In Zeiten des Ukraine-Kriegs laboriert die Schweiz an dem nicht ganz neuen Problem, gleich von zwei Seiten mit heftiger Kritik überzogen zu werden. Präsident Ignazio Cassis versuchte kürzlich in der FAZ, den Deutschen die Position seines Landes zu erklären. Sein zentraler Satz: «Neutral sein heisst nicht untätig sein.»

Darauf reagierte das russische Aussenministerium mit scharfen Worten. Gleichzeitig werfen deutsche Politiker der Schweiz vor, überhaupt den Begriff Neutralität zu bemühen. Das sei unsolidarisch.

In der Russland-Frage bilden die anderen europäischen Staaten für Bern den Referenzpunkt. Sie achten allesamt darauf, nicht selbst Kriegspartei zu werden. Gerade Deutschland zögert bis heute, modernes schweres Kriegsgerät zu liefern.

Praktisch unterscheidet sich die Position der Schweiz also kaum von derjenigen Deutschlands, einer Wirtschaftskriegspartei. Die Eidgenossen tragen auch die Sanktionen gegen Russland mit – anders als das Nato-Land Türkei.

Dass sich manche EU-Politiker trotzdem an der Schweiz abarbeiten, hat noch ein anderes Motiv: Viele stören sich grundsätzlich an dem eigensinnigen Staat in ihrer Mitte, der nicht alles mitmacht.

Dem geplanten EU-Vermögensregister etwa dürfte sich die Schweiz zu ihrem Ärger nicht anschliessen. Sie jetzt vor dem Kriegshintergrund als unsichere Kantonisten abzukanzeln: Diese wohlfeile Gelegenheit lassen sich die Schweiz-Kritiker nicht entgehen.

Es liegt in der Natur eines kleinen, bündnisfreien Landes, dass es Druck von einer und manchmal von zwei Seiten erfährt.

Aber die Schweiz besitzt auch gute Übung darin, diesen Druck auszuhalten, um nicht noch mehr ihrer Neutralität preiszugeben.