Gemäss einer Tickermeldung der Tamedia-Zeitungen hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj einer Gruppe französischer Studenten erklärt, der Krieg sei für ihn erst dann beendet, wenn seine Armee die russisch besetzten Gebiete, darunter die heute zu Russland gehörende Krim, zurückerobert hat. Damit formuliert der Staatschef ein neues Kriegsziel. Vor kurzer Zeit noch schien er sich bereit erklärt zu haben, auf die russische Forderung nach einer neutralen Ukraine einzusteigen.

Selenskyjs neue Strategie wird den Krieg verlängern, eine politische Lösung in weite Ferne rücken und die Russen, sollte er Erfolg haben, in die Enge treiben. Russlands Präsident Putin hat unmissverständlich klargemacht, dass eine Preisgabe der Krim und der Donbass-Gebiete für ihn nicht in Frage kommt. Eine indirekt vom Nato-Westen beherrschte Ukraine bezeichnete er als «existenzielle Bedrohung» für sein Land. Putin will keine amerikanischen Kurzstreckenraketen vor seiner Haustüre. Er beansprucht eine Pufferzone, eine «Monroe-Doktrin» der Nichteinmischung, wie sie auch die Amerikaner in ihrer Einflusssphäre geltend machen, ohne dass man darin ein Verbrechen sehen würde.

Nun scheint es der von den Amerikanern bis unter die Augenlider aufmunitionierte Selenskyj, hochmotiviert durch seinen Aufstieg vom Korruptionsverdächtigen zum internationalen Helden, tatsächlich darauf anzulegen, die weltweit grösste Atommacht Russland in die Enge zu treiben, über die Klippe zu stossen. Viele jubeln dieser Perspektive zu, doch Putin wird nicht einfach die Hände in die Luft werfen und sagen: «Sorry, ich habe mich geirrt.» Wenn eine Atomgrossmacht sich an die Wand gedrückt, «existenziell bedroht» sieht, wird sie wohl eher die ganz grossen Waffen aus den Arsenalen holen.

1962 waren die Amerikaner in einer ähnlichen Lage. Damals wollte der sowjetische Staatschef Nikita Chruschtschow Atomraketen auf Kuba stationieren. Die Berater von US-Präsident John F. Kennedy rieten zum Nuklearkrieg. Hätten die Russen nicht beigedreht, wäre der Weltenbrand vermutlich nicht mehr aufzuhalten gewesen. Nicht minder brenzlig lodert es in der Ukraine. Je schlechter es für die Russen läuft, desto gefährlicher wird es. Je länger der Krieg tobt, desto grösser wird die Gefahr, dass die mit Beratern und Waffen bereits tief in die Ukraine verstrickte Nato mit den Russen direkt zusammenprallt. Selenskyjs neue Kriegsziele verunmöglichen eine politische Verhandlungslösung und rücken einen baldigen Waffenstillstand in gefährlich weite Ferne.