Der Roadtrip ist vermutlich so alt wie die Vereinigten Staaten, auch wenn natürlich der Zweck einer Strassenreise nicht mehr dieselbe Dringlichkeit hat wie noch zu Zeiten der Postkutsche. Mit dem Auto – am besten ohne festes Ziel – durch die USA zu reisen, ist so etwas wie die praktische Erfüllung des amerikanischen Traums auf vier Rädern.

Kürzlich hatte ich die Gelegenheit, mit einem Lucid Air Grand Touring ein paar Tage durch Kalifornien zu fahren. Die Elektrolimousine des amerikanischen Start-ups Lucid Motors wurde von ehemaligen Tesla-Mitarbeitern ursprünglich als Konkurrenzprodukt zum Model S konzipiert, heute ist es vermutlich eines der besten Autos im Segment der batterieelektrischen Fahrzeuge (BEV).

Allein die wichtigsten technischen Daten meines Testwagens in optimistisch strahlendem «Stellar White Metallic» sind beeindruckende Fabelwerte und von europäischen oder asiatischen Herstellern derzeit kaum erreichbar: Die komfortable Limousine mit fünf Plätzen sowie Gepäckräumen vorne und hinten verfügt mit vollgeladener 118-kWh-Batterie über eine Reichweite – abhängig von der Grösse der Räder – von 783 bis 839 Kilometern (WLTP), leistet 830 ​PS / 611 ​kW und verbraucht dabei lediglich 14,9 kWh auf 100 Kilometer. Eine 900-Volt-Architektur ermöglicht Ladegeschwindigkeiten von bis zu 300 ​kW.

 

Die Wahrheit liegt auf dem Highway

Das alles ist graue Theorie, die Wahrheit liegt natürlich da draussen auf den High- und Freeways. Ich will ihr näherkommen, indem ich vom Napa Valley aus erst an den Pazifik und dann weiter auf dem landesweit bekannten Highway ​1 der Küste entlang bis an die Staatsgrenze von Oregon fahre, währenddessen ich die eindrücklichen Redwood-Wälder durchquere und schliesslich über den Freeway 5 via Redding und Sacramento nach San Francisco zurückkehre.

879 Meilen (1414 Kilometer) sind das insgesamt durch eine ländliche Gegend ohne besonderen Glamour, aber mit viel natürlicher Schönheit. Bei Aufbruch hat der Lucid Air Grand Touring, der mir für mein Vorhaben vom Hersteller Lucid Motors zur Verfügung gestellt wurde, eine Batteriekapazität von noch 94 ​Prozent, das Ziel in Fort Bragg ist 142 Meilen entfernt, was ohne Ladestopp mühelos erreichbar ist.

Mit dem Auto durch die USA zu reisen, ist die Erfüllung des amerikanischen Traums. Unvorbereitet, wie ich losgefahren bin, weiss ich nichts über die Ladeinfrastruktur in Nordwestkalifornien. Lucid-Fahrer können allerdings an sämtlichen Ladestationen des Netzwerks Electrify America (EA) kostenlos Strom beziehen, das Navigationssystem rechnet zuverlässig aus, wo und wie lange man laden sollte und wie der Batteriestand am Ende aussieht. Das ist zwar nicht immer ganz präzise, aber spielt letztlich überhaupt keine Rolle, denn die Abdeckung mit Ladesäulen ist in Verbindung mit der unglaublich hohen Reichweite des Lucid völlig ausreichend.

Denn der wohl grösste Vorteil des Lucid Air für Autoreisen in unbekanntes Terrain wie diese sind seine schier unerschöpflichen Batteriereserven. Mehr aus Interesse denn aus Notwendigkeit fahre ich eine EA-Ladestation auf einem Riesenparkplatz vor einer etwas traurig wirkenden Mall an, schliesse das schwere Kabel an die Ladebuchse am vorderen linken Kotflügel an und warte kurz, bis der Ladevorgang automatisch startet. Das geschieht alles mühelos, ohne dass ich eine Karte oder einen Code brauche.

 

Gespräche auf Parkplätzen

Es dauert nie lange, bis ich mit Amerikanern ins Gespräch komme, die an jeder Ladestation so zuverlässig mit Fragen auf mich zukommen wie die Justiz auf Donald Trump. Er sei sehr interessiert an einem Elektroauto, wolle aber noch warten, bis die Technologie breit etabliert sei, sagt einer. «Aber mein Schwiegersohn fährt einen neuen Tesla Model X», sagt der freundliche Mann mit Jagdweste und Baseballmütze. Ein anderer erkundigt sich nach Marke, Modell und Preis, bewundert die fliessenden, luftwiderstandsoptimierten Formen des Lucid und verabschiedet sich mit einem freundlichen «awesome!».

Auch wenn der Lucid nie die maximale Ladegeschwindigkeit erreicht, geht es beeindruckend schnell, bis wieder genug Reserven für die nächste Etappe geladen sind. In Kombination mit der ohnehin enormen Reichweite baue ich schnell eine solide Vertrauensbasis zum Auto auf. Es macht nie auch nur den Anschein, es würde mich hier draussen, im wilden Westen an der Küste, jemals im Stich lassen.

Die Ladestationen von Electrify America finden sich meist in der Nähe einer Walmart-Filiale oder eines Einkaufszentrums, das gibt mir – nach der Beantwortung von Fragen zum Fahrzeug – Gelegenheit, in den eisgekühlten Regalfluchten des Supermarkts nach Produkten zu suchen, die ich für mein kulinarisches Vergnügen zu Hause dringend brauche: das Sweet Relish mit Gurken von Heinz etwa, die M & M’s in der abenteuerlichen Geschmacksrichtung «Cold Brew and salted Caramel» oder den besten mir bekannten Ahornsirup. Crown’s wird in Eichenfässern gelagert und hat ein komplexes Caramel-Malz-Aroma.

 

Die Staatsbäume Kaliforniens

In Fort Bragg übernachte ich in der «Surf ​& ​Sand Lodge», mache mir morgens einen Instantkaffee mit der Keurig-Maschine, die zuverlässig in jeder, auch sehr bescheidenen Unterkunft zu finden ist. Mit meiner Tasse in der Hand mache ich einen kurzen Spaziergang und blicke auf die wilde, wunderschöne Pazifikküste, bevor ich in der «Denny’s»-Filiale im Ort vier verschiedene gebratene Specksorten mit Rösti und Spiegeleiern bestelle und in meinen Augen einen filmreifen Start in einen amerikanischen Tag habe.

Von Fort Bragg aus geht es am Ten Mile Beach vorbei weiter nach Norden, bevor der Highway 1 von der Küste ins Landesinnere führt, wo die Bäume zusehends grösser werden. Hier wachsen die Küstenmammutbäume (Redwoods), der Staatsbaum Kaliforniens, zu denen einige der höchsten Exemplare der Welt gehören. In Leggett gibt es einen Baum, den man – für 25 Dollar – mit dem Auto durchfahren kann. Mit eingeklappten Aussenspiegeln passt der Lucid mühelos hindurch.

Auf einem Walmart-Parkplatz lade ich während 33 Minuten exakt 59,1630 ​kWh Strom.Und in Klamath besuche ich die «Trees of Mistery», einen Wald mit Bäumen, die teilweise Tausende von Jahren alt sind, wo man über an den Stämmen befestigten Hängebrücken einen Eindruck von den schieren Dimensionen dieser Giganten des Waldes bekommt. Es ist bloss achtzehn Grad frisch hier im zum kleinen Vergnügungspark umgebauten Dickicht. Kalifornien ist ja, wenn man davon in den Schweizer Nachrichten hört, immer kurz vor der Hitze-, Dürre- oder Waldbrand-Apokalypse. Bei meinem Besuch Ende Juni ist hier davon allerdings wenig zu sehen oder zu spüren.

In Eureka verbringe ich die folgende Nacht und fahre dann weiter Richtung Grants Pass im Staat Oregon, lade auf einem weiteren Walmart-Parkplatz während 33 Minuten exakt 59,1630 kWh Strom und biege dann auf die Interstate 5 Richtung Süden ein. Zuvor habe ich mir zum Zweck der körperlichen Aufmunterung noch eine Büchse kalten Starbucks-Kaffee mit «Double Shot Energy», Vitaminen, Ginseng und Guarana besorgt und rolle nun entspannt im Verkehr mit. Der Lucid Air Grand Touring hat ein fortschrittliches Assistenzsystem mit Kameras, Lidar und Radar, das einem auf den ewig langen, geraden Autobahnen die meiste Arbeit abnimmt, wenn Fahren nur langweilige Routine ist. Dies, das komfortable Fahrwerk und die stark reduzieren Geräusche von Reifen und Wind machen diesen Roadtrip ausserordentlich angenehm.

In Redding übernachte ich ein letztes Mal auf dieser kurzen Reise und reserviere für den nächsten Tag in Sacramento einen Tisch im «Ella Dining Room», das ich nach dem Besuch sehr empfehlen kann. Das Flat Iron Steak ist perfekt im Holzofen gebraten, hat einen stark gerösteten Rand, einen schönen Biss und wird mit ebenfalls gerösteten grünen Spargeln und Zwiebeln serviert. Danach und nach weiteren 98 Meilen bin ich überzeugt, dass der Lucid Air das derzeit beste elektrische Fahrzeug made in USA ist. Und ausserdem bin ich sicher, dass es sich lohnt, mit welchem Auto auch immer, dringend lohnt, durch dieses faszinierende Land zu fahren.