Wer erinnert sich nicht an die «Ungeimpft»-Judensterne, die bei den Corona-Demos zu sehen waren? Impfskeptiker meinten, Opfer eines Holocaust zu werden. Radikale Islamisten, die gegen Israel hetzen und ihren Kindern den Judenmord beibringen, sehen sich als Holocaust-Verfolgte, obwohl ihr Vorbild Mohammed Amin al-Husseini, Mufti von Jerusalem und geistlicher Führer einer SS-Einsatzgruppe, mit Hitler die Tötung der Juden im Heiligen Land vereinbarte. Putin wirft der ukrainischen Regierung vor, im Donbass einen Holocaust zu organisieren. Sein Aussenminister Lawrow behauptete, Hitler hätte jüdisches Blut gehabt. Selenskyj berief sich in der Knesset auf jüdische Vorfahren und verglich den Krieg in der Ukraine mit dem Holocaust.

Bei TV-Umfragen wissen junge Leute nicht, was der Holocaust war. Eine New Yorkerin meinte, es sei ein Feldzug gegen die Frauen gewesen, ein syrischer Flüchtling in Berlin erklärte, es wäre der Kampf der Juden gegen die Menschheit, und ein Österreicher sagte, es handle sich um eine Rockband. Besser Informierte schätzen die Zahl der Ermordeten auf 10 000. Oft ist zu hören, die Vernichtung in den KZ sei eine Erfindung amerikanischer Juden, um von ihrer Weltherrschaft abzulenken. Neonazis bezichtigen die Juden der Auschwitz-Lüge und des Holocaust an den Arabern.

Gottesmord-Vorwurf

«Was ist daran schlimm?», war in einer Fernsehdiskussion zu hören. «Nicht jeder kennt die Geschichte, und gelogen wird im Krieg von allen.» Dem muss widersprochen werden, denn der Antisemitismus bedroht nicht nur die Juden. Er ist eine Geissel der Menschheit.

Es geht um die Singularität und die Qualität des Verbrechens, das man den Holocaust nennt.

Seit der Entstehung des Christentums wurde die Diffamierung der Juden zu einem Mittel der Durchsetzung der neuen Religion. Der Barnabasbrief (um 100 n. Chr.), der Diognetbrief (um 120), der Dialog mit dem Juden Tryphon (um 155) und die Osterpredigt des Melito von Sardes (um 190) begründeten den Gottesmord-Vorwurf gegen die Juden und ihre Zerstreuung über die Welt als Strafe dafür.

«Wie können es Christen wagen, mit Juden, den elendsten aller Menschen, die wollüstige, räuberische, habgierige und heimtückische Verbrecher sind, auch nur den geringsten Umgang zu haben? Sind sie nicht eingefleischte Mörder, Zerstörer, vom Teufel besessene Menschen, die für Ausschweifungen und Trunkenheit die Natur von Schweinen und geilen Böcken angenommen haben? Gott hasst die Juden», schrieb Johannes Chrysostomos. Die Folgen waren schrecklich. 2000 Jahre lang waren sie Entrechtungen und Massenmorden ausgesetzt. Das Christentum brachte den Antisemitismus nach Europa. Hunderttausende wurden verbrannt und erschlagen. Dass Jesus, Josef, Maria und elf Apostel Juden waren, interessierte nicht. Sie wurden blond und blauäugig dargestellt, um es zu verschleiern.

Verheerend wirkte sich 1103 der Mainzer Reichslandfrieden aus. Er verbot den Juden das Waffentragen. Menschen im ganzen Okzident wurden zu Mördern, weil die Juden recht- und schutzlos waren. Sie umzubringen und zu bestehlen, konnte mit einem Obolus an die Kirche abgegolten werden. Luther bezeichnete die Juden als Feinde Gottes, weil er sie nicht bekehren konnte. In einer Hetzschrift von 1543 verlangte er, ihre Häuser und Synagogen niederzubrennen.

Den Zenit erreichte der Judenhass unter den Nationalsozialisten. Hitler kündigte 1925 in «Mein Kampf» die Vernichtung der jüdischen Rasse an, bestätigte dies 1939 im Reichstag und liess die Ausführung 1942 auf der Wannseekonferenz beschliessen. Elf Millionen sollten den Tod finden. Seit 1933 waren sie entrechtet, beraubt, in KZ gesteckt und getötet worden, nicht nur in der Pogromnacht von 1938. Im Unterschied zu den ukrainischen Flüchtlingen, denen alle Länder des Westens die Tore öffnen, blieben diese für die Juden damals verschlossen. Auf der von US-Präsident Roosevelt 1938 einberufenen Konferenz von Evian war kein Staat zur Aufnahme von Juden in nennenswerter Zahl bereit. Wenigen nur gelang die Flucht ins britische Mandatsgebiet Palästina, nach Frankreich, England, in die USA, nach China, Mittelamerika oder Russland. 6,3 Millionen wurden ermordet.

Widerstand wurde zum Verbrechen

Das und nichts anderes war der Holocaust. Er steht einzig in der Geschichte da. Nie zuvor hatte ein Staat ein ganzes Volk planmässig auszurotten versucht. Die Gräuel, die es erleiden musste, stellen die Massaker der Mongolen, der Hunnen und des IS in den Schatten. Jeder Ermordete ist einer zu viel. Es geht aber nicht um Einzelne, sondern um die Singularität und die Qualität des Verbrechens, das man den Holocaust nennt. Im 20. Jahrhundert wurde das Volk der Dichter und Denker zu einem Volk von Mördern. Widerstand wurde zum Verbrechen. Es zeigt, dass die Zivilisation die im Menschen steckenden Urtriebe nicht zu beseitigen vermag. Was damals möglich war, kann wieder geschehen. Deswegen ist Erinnerung Pflicht. Jede Relativierung, jeder Vergleich mit anderen Verbrechen und jeder Missbrauch von Symbolen des Holocaust leistet dem Vorschub.

Alexander Günsberg lebt als Schriftsteller und Journalist am Zürichsee und im Wallis. Er schreibt Romane und historische Bücher über Judentum, Israel und Zionismus.