Lange konnte ich mit dem Wort «Glaube» nichts anfangen. Ich gehörte zu denen, die den Glauben für eine minderwertige Form des Wissens hielten, für ein blosses «Für-wahr-Halten», dem das rationale Denken unendlich überlegen ist. Heute sehe ich es anders. Es gibt kein richtiges Leben ohne Glauben. Glauben ist viel mehr als Wissen.

Wissen ist die sorgfältige, hirngesteuerte Verarbeitung von Tatsachen und Erfahrungen in der materiellen Welt. Die Wissenschaften verschaffen uns nach einigermassen gesicherten logischen Verfahren eine gewisse Kenntnis der Dinge und der Phänomene. Aber dieses Wissen ist kalt, es greift nicht ans Herz, es berührt nicht unser Innerstes, es bleibt werkzeughaft, instrumentell ausgerichtet auf die Zwecke und Ziele, die wir mit Hilfe unseres Wissens erreichen wollen. Das Wissen, schrieb ein kluger Philosoph, leuchtet uns an wie Strassenlaternen, aber es erwärmt uns nicht.

Niemals dringt das rationale Wissen ins Weltgeheimnis vor, ins Wunder unserer Existenz und in die Rätsel des Lebens, das dank schöpferischen Vorgängen, die wir nie verstehen werden, das ursprüngliche Nichts besiegte. Warum ist etwas, und warum ist nicht einfach nichts? Mit dieser Frage verlassen wir das logisch neonkalte Wissen und öffnen uns dem Schauen, dem dankbaren Staunen, den schöpferischen Quellen unseres Wesens, die wir weniger durchs Hirn als durch unser Gemüt, durch unser Herz erfassen. Der Glaube ist das, was die wundersamen Ursprünge und Quellen des Lebens nicht enträtselt, aber entsiegelt, sie fruchtbar macht und hervorsprudeln lässt.

Der Glaube ist die Urkraft des Lebens. Das ist nicht zwingend religiös gemeint. Der Glaube betrifft, das liegt in seiner Natur, das Wichtigste im Leben eines jeden Menschen. «Sage mir, was für dich das Wichtigste ist im Leben, und ich sage dir, woran du glaubst», lautet ein berühmtes Zitat. Glauben ist mehr als Wissen. An dem, woran wir glauben, hängt unser Herz, unser Streben, unser unbedingtes Wollen, unsere Liebe. Nur dort, wo wir an etwas glauben, sind wir bereit, uns hin- und sogar aufzugeben. Lebensfreude und Lebensschmerz gruppieren sich um das Geglaubte. Ohne Glauben ist das Leben lauwarm, gleichgültig. Bin ich bereit, dafür zu sterben? Dann glaube ich daran.

Menschen, die glauben, sind entflammt vor Leidenschaft. Sie glühen vor Leidenschaft für ihr persönliches Heiligtum. Die Fähigkeit zu glauben, ohne deren Ausübung es kein erfülltes Leben geben kann, ist naturgemäss gefährlich. Viele Menschen sagen, sie glauben an nichts. Damit ist gemeint: Sie glauben nicht an Gott. Das aber heisst nicht, dass sie an nichts glauben. Sie glauben an etwas anderes, vielleicht auch, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie glauben an Macht, Geld, Sex, Greta oder Marx, an Ideologien oder Ersatzreligionen aller Art. Der Glaube kann sich an vielem festmachen, auch an Vorurteil und Aberglauben. Dann artet der Glaube aus in Fanatismus, Raserei, Zerstörung.

Der Glaube ist die Urkraft des Lebens. Wie aber kann diese Urkraft gebändigt, in sinnvolle Bahnen gelenkt werden? Das führt uns zur Frage, was des Glaubens wirklich wert ist. Und hier muss ich anfügen, dass in letzter Zeit, wohl auch eine Folge des Alters, theologische Fragen für mich an Bedeutung gewonnen haben. Jede Religion behandelt das Problem der Beziehung zwischen dem Menschen und dem Allerhöchsten. Es gibt Religionen, die dem Menschen erzählen, er könne das Höchste, Gott, für seine irdischen Zwecke einspannen, sich gottähnlich über andere Menschen erheben, vielleicht selber zu einer Art Gott, zum unfehlbaren Absoluten werden.

Solche Religionen sind brandgefährlich. Sie haben heute Hochkonjunktur. Die gefährlichste und älteste unter ihnen ist der Moralismus. Moralismus ist, wenn ein Mensch sich hinstellt und seine persönlichen Werte absolut setzt, verbindlich für alle. Moralisten sind Tyrannen, Despoten. Sie glauben, die Welt zu retten, das Böse zu beseitigen. Daraus leiten sie für sich die Macht ab, allen anderen den Tarif durchzugeben: Musikaufführungen zu verhindern, weil die Musiker «falsche» Frisuren haben; Kinderbücher zu verbieten, weil sie angebliche Lügen verbreiten; Menschen auszugrenzen und, auch das gab es schon, umzubringen, weil sie eine andere Meinung haben.

Gutmenschen sind böse, weil sie sich für unfehlbar gut halten. Sie reden vom Edelsten und Idealsten, sie reden von Gott, aber sie meinen sich selbst. Gutmenschen sind das abschreckende Beispiel dafür, was passiert, wenn sich der Glaube an falsche Gegenstände heftet. Der christliche Glaube, theologisch richtig verstanden und ernst genommen, ist auch ein Versuch, die Glaubensfähigkeit des Menschen wegzulenken von der Despotie, vom Tanz ums Goldene Kalb, vom Götzendienst der Ideologien, vom ewigen Risiko der Selbstvergottung. Der christliche Glaube ist das Gegenteil des Gutmenschentums: Er bewahrt den Menschen davor, sich selber für den lieben Gott zu halten.

Das Christentum lehrt, das Wunder der Schöpfung zu bestaunen, dankbar zu sein für jeden Tag, an dem wir leben, ein Geschenk, das wir ohne unser Zutun bekommen haben. Die christliche Lehre besagt, dass das Leben, dass unsere Welt mehr ist als blosse Materie, ein Haufen von Atomen, und dass der Mensch das Geistige spüren, in sich aufnehmen, aber eben nie bemeistern, nie durchschauen kann. Dem Christentum liegt eine Theologie der Liebe und der Freiheit, aber vor allem der Demut zugrunde, der Mahnung auch, dass der Mensch ein anfechtbares Wesen ist: «Es irrt der Mensch, solange er strebt» («Faust»).

Auf dieser Glaubenseinsicht ist alles aufgebaut, was mir lieb und teuer ist: Freiheit, Demokratie, Vielfalt der Meinungen, Misstrauen gegenüber der Macht und eine tiefe Abneigung gegen Menschen, die sich moralisch für etwas Besseres halten. Ohne Glaube keine Schweiz. R. K.