Ras al Khaimah, Vereinigte Arabische Emirate

Weltwoche: Herr Melnitschenko, Sie sind einer der reichsten Russen, haben weltweit führende Industriekonzerne aufgebaut im Bereich Dünger, Kohle und Röhrenbau.Sie leben in der Schweiz und stehen seit Beginn des Kriegs auf der Sanktionsliste der EU, die der Bundesrat einszueins übernommen hat. Bevor wir über all dies sprechen, erzählen Sie uns: Wer sind Sie?

Andrei Melnitschenko: Nun, ich wurde 1972 in Gomel geboren, das ist die zweitgrösste Stadt in Belarus. Meine Mutter ist Ukrainerin, mein Vater Belarusse. Beide Eltern waren in Lehrberufen tätig. Mein Vater lehrte Physik an der örtlichen Universität. Meine Mutter hatte russische Literatur studiert und arbeitete an einer Musikhochschule. Wissenschaft faszinierte mich, insbesondere Physik und Mathematik. Ich nahm an zahlreichen Wissenschaftswettbewerben teil.

Weltwoche: Als Siebzehnjähriger haben Sie die russische «Physik-Olympiade» gewonnen.

Melnitschenko: Es gab viele solcher Wettkämpfe, und ich erzielte recht gute Ergebnisse. Das Wunderbare am sowjetischen Schulsystem war die Talente-Auswahl mithilfe solcher Wettbewerbe. Die Teilnehmer mit den besten Ergebnissen hatten die besten Ausbildungschancen. Die hellsten Köpfe gingen in das vom grossen Mathematiker Andrei Kolmogorow aufgebaute wissenschaftliche Zentrum. In den 1980er Jahren gab es über fünfzig Millionen sowjetische Schüler, und jedes Jahr erhielten nur ungefähr hundert von ihnen einen Studienplatz im Zentrum. Es war eine der Staatlichen Universität Moskau angeschlossene Internatsschule, und ich bin froh, dass ich dort zugelassen wurde. Nach absolvierter Schulzeit nahm ich ein Studium an der Fakultät für Physik der Staatlichen Universität Moskau auf und spezialisierte mich etwas später auf Quantenstatistik und Feldtheorie. Es war das Jahr 1989, ich freute mich auf die Zukunft, aber dann änderte sich alles.

Weltwoche: Die Sowjetunion brach zusammen, der Staat, der den Zweiten Weltkrieg gewonnen hatte, zerfiel.

Melnitschenko: Ich war siebzehn Jahre alt. Auf dem Campus der Staatlichen Universität Moskau, wo ich zu der Zeit lebte, gab es Studierende aus der ganzen Welt, überaus kluge junge Leute aus vielen Ländern.

Weltwoche: Spielte es damals eine Rolle, ob einer Russe, Ukrainer, Belarusse ist?

Melnitschenko: Überhaupt nicht. Wir waren etwa zehn Studenten in unserem Schlafsaal. Die kamen aus allen Regionen der Sowjetunion. Als gebürtiger Belarusse wurde ich nicht anders behandelt. Wachten wir eines Tages auf und dachten: Ich bin Russe? Der ist Ukrainer? Und der andere kommt aus Sibirien? Nein. Als Kind und Teenager in Belarus bin ich ausser meiner Lehrerin, die belarussische Sprache und Literatur unterrichtete, niemandem begegnet, der Belarussisch sprach, und auch die Lehrerin tat das nur im Unterricht. Sicher gab es Leute, die Belarussisch sprachen, meistens die aus den kleinen Städten oder Dörfern oder auch die Intelligenzija in Minsk, aber das war nicht von Belang. Die Hälfte meiner Familie stammt aus der Ukraine, wir fuhren oft zu Besuch in die Ukraine, und unter all den Hunderten von Leuten, die ich dort traf, kann ich mich kaum an ein, zwei Leute erinnern, die im Alltag Ukrainisch sprachen.

Weltwoche: Wie würden Sie heute Ihre Nationalität bezeichnen?

Melnitschenko: Ich habe einen russischen Pass. Aber bin ich Russe? Man könnte mich auch als Belarussen oder Ukrainer bezeichnen – oder als Schweizer, weil ich seit fast fünfzehn Jahren hauptsächlich in der Schweiz lebe. Oder als Emirati, weil ich die Staatsbürgerschaft der Vereinigten Arabischen Emirate besitze. Meine Frau ist Europäerin, sie stammt aus Kroatien. Meine Kinder kamen in Frankreich zur Welt. Sie alle sind europäische Staatsangehörige.

Weltwoche: Wie haben Sie den Kollaps der Sowjetunion erlebt?

Melnitschenko: Ich war fasziniert. Und glücklich. Vorher wusste man genau, was einem in den nächsten zehn, zwanzig, dreissig, vierzig Jahren bevorstand. Wenn man ein interessantes Leben wollte, dann ging man in die Wissenschaft, den Sport, die Musik oder zum KGB. Jedem wurde ein zwar sicherer, aber nicht besonders spannender Platz in der Gesellschaft zugewiesen. Plötzlich öffneten sich unzählige neue Wege. Als Siebzehnjähriger war ich für alles offen, ich befand mich mittendrin in diesem Vulkan voller Möglichkeiten. Ich konnte Risiken eingehen, weil ich nichts zu verlieren hatte.

Weltwoche: Bereits mit 18 stiegen Sie an der Uni in den Devisenhandel ein.

Melnitschenko: Die Leute mussten überleben, das sowjetische System brach zusammen, eine Marktwirtschaft gab es offiziell noch nicht. Keiner hielt sich mehr an die sowjetischen Regeln, es herrschte eine unglaubliche Freiheit. Statt zu studieren, nahmen viele Kollegen die ersten Export-Import-Tätigkeiten auf und halfen den alten Giganten der sowjetischen Wirtschaft, in einem sich schnell verändernden Umfeld zu überleben. Was alle brauchten, war Geld, vorzugsweise harte Währung, Bargeld. Die Nachfrage nach Devisengeschäften war hoch, und die Gewinne waren es auch. Ich eröffnete eine Wechselstube auf dem Campus der Moskauer Universität. Innerhalb von ein paar Jahren hatten wir viele solcher Büros, in Moskau, St. Petersburg, Nowosibirsk, Wladiwostok – in ganz Russland. Anfangs war es weder legal noch illegal. Die Tätigkeit befand sich rechtlich in einer Grauzone. Nach sowjetischem Recht waren Währungstransaktionen verboten, aber das sowjetische Recht existierte nicht mehr, und ein neues russisches Recht gab es noch nicht.

Weltwoche: Es ging rasant aufwärts. Kaum Mitte zwanzig, avancierten Sie zum Banker.

«Die Schweiz hat die Sanktionen eins zu eins übernommen. Sie hat uns den rechtlichen Schutz entzogen.»

Melnitschenko: Im Dezember 1991 entstand der neue russische Staat, und schon bald wurde der Devisenhandel reguliert. Man benötigte eine Konzession. Mein Zweigstellennetz konnte von einem auf den anderen Tag illegal werden. Ich musste es in eine Bank integrieren. Ich fand sie: die Premier Bank. Der Eigentümer war einer der ersten sowjetischen Unternehmer, er war damals Mitte sechzig, und sein Team bestand aus ein paar älteren Damen von einer inzwischen aufgelösten sowjetischen Bank.

Weltwoche: Es müssen turbluente, gefährliche Zeiten gewesen sein. 1991 gab es sogar einen Staatsstreich.

Melnitschenko: Der Putschversuch von 1991, mit dem Michail Gorbatschow gestürzt werden sollte, dauerte vier Tage. Es war keine grosse Sache. Ich war zu der Zeit mit meinen Freunden in Jalta. Wir sahen den Putsch im Fernsehen. Als wir nach Moskau zurückkehrten, war es vorbei. Natürlich bestand das Risiko einer Implosion des Staates. Die Kriminalität schoss hoch, Gangs breiteten sich aus, Korruption, es waren gefährliche Zeiten, keine Frage. Der Wettbewerb war knallhart, die «rule of law» existierte nicht mehr, jeder Tag brachte neue Chancen, aber auch immense Probleme und Schwierigkeiten mit sich. Wie haben wir überlebt? Darüber haben wir nicht mal nachgedacht. Als ich meine eigene Bankkonzession hatte, konnte ich mein Geschäft zu einem grösseren Finanzinstitut ausbauen, zu einer richtigen Bank. Die MDM-Bank wurde 1993 mit einem Anfangskapital von 30 000 US-Dollar gegründet. Als ich sie 2007 verkaufte, wurde ihr Wert auf 4,5 Milliarden US-Dollar beziffert. In den 2000er Jahren war sie die zweitgrösste unternehmergeführte Privatbank in Russland. Wir erhielten mehrere Auszeichnungen: Die Fachzeitschrift The Banker ernannte uns 2002 und 2003 zur Bank des Jahres; Euromoney und Global Finance ernannten uns 2003 beziehungsweise 2004 zur besten russischen Bank. Das war der Grundstein meines Vermögens.

Weltwoche: Um die Jahrtausendwende sind Sie in die Industrie eingestiegen. Wie kam das?

Melnitschenko: Die staatseigenen sowjetischen Industrieriesen gingen Ende 1995 grösstenteils in Privateigentum über. Ich war damals sehr jung, erst 23, und hatte keinerlei politischen Beziehungen oder Verbindungen. Deshalb habe ich diese Chance verpasst.

Weltwoche: Sie hätten Russlands jüngster «Oligarch» werden können.

Melnitschenko: (Lacht) Absolut, aber ich bin es nicht geworden. Es war einfach unmöglich, ganz egal, ob ich es zu der Zeit wollte oder nicht. 1998 kam es in Russland zur Wirtschaftskrise. Viele Finanzinstitute serbelten. Sie hatten in der Privatisierungswelle heftig eingekauft, aber ihre Assets verloren stark an Wert. Die Ölpreise lagen am Boden, die Metallpreise waren abgestürzt, die Zinsen gingen rauf. Das war die Zeit, als der Begriff «Oligarch» geprägt wurde. Die grossen Banken waren an den Privatisierungen beteiligt gewesen. Es gab kaum Regeln, und oft wurden die Regeln so gestaltet, dass einzelne Beteiligte erheblich profitierten. Nach der 1998er Finanzkrise waren diese Banken, die an den darniederliegenden privatisierten Industrien hingen, faktisch bankrott. Meine MDM-Bank, eine Art «One-Man-Show», befand sich in einer ganz anderen Lage. Sie war nicht fremdfinanziert und hatte keinen Ballast. Kurz: Ich profitierte von zwei Krisen. Die erste Krise war der Zusammenbruch der Sowjetunion und die zweite Krise der Zusammenbruch der russischen Finanzwelt.

Weltwoche: Geschäftsregel Nummer eins: Mach aus jeder Katastrophe eine Goldgrube.

Melnitschenko: Wenn du kannst! Der zweiten Krise verdankte ich die Chance, in den Industriesektor einzusteigen. Was brauchte man dafür? Man brauchte Geld. Die MDM-Bank hatte genau das. Und: Politische Verbindungen waren nicht länger nötig. Die begehrtesten Branchen waren bereits privatisiert. Also formte ich mit einem meiner Kunden eine Partnerschaft. Wir nannten sie «MDM-Gruppe». Die Idee war, in bestimmten Sektoren Firmen aufzubauen. Wir konzentrierten uns auf drei Bereiche: Metallrohre, Düngemittel und Kohle.

Weltwoche: Warum gerade diese drei?

Melnitschenko: Weil sie nicht konsolidiert waren. Es gab dort keine grossen Unternehmen, nur viele kleine. Die Grossen waren ins Öl-, Gas- und Stahlgeschäft eingestiegen, bekamen aber Probleme, weil sie mehr geschluckt hatten, als sie verdauen konnten. So waren wir in der Lage, dem Ölkonzern Jukos die Metallrohrfabrik von Wolschski zu einem tiefen Preis abzukaufen. Dasselbe im Kohlebereich: Wir übernahmen innerhalb von zwei Jahren etwa zwanzig Kohlenbergwerke. Kohle galt zu der Zeit als unattraktiv. Beim Dünger ebenso: Kein Düngemittelunternehmen hatte einen Mehrheitseigentümer, alles war zersplittert und verstreut. Wir haben die Eigentumsverhältnisse konsolidiert, und so kam es zur Gründung von Eurochem.

Weltwoche: Hatten Sie von Anfang an Erfolg?

Melnitschenko: Wir reüssierten in allen drei Bereichen. Das Röhrenunternehmen, mittlerweile fusioniert mit anderen Konzernen, wurde die Nummer zwei der Welt. Eurochem war im letzten Jahr die Nummer zwei weltweit, was die Menge an verkauftem Dünger angeht. Und auch der Kohlekonzern Suek schaffte es an die Spitze. Insgesamt beschäftigen Eurochem und Suek über 100 000 Mitarbeiter.

Weltwoche: Der nächste Fixpunkt war 2006. Sie gaben Ihre Anteile ab, gründeten eine unabhängige Stiftung und zogen sich auch als CEO zurück. Sie waren noch nicht mal 35. Was war der Grund?

Melnitschenko: Ich begegnete 2003 meiner zukünftigen Frau. Sie hatte nie in Russland gelebt und sprach fast kein Russisch. Ihre Mutter ist Kroatin, ihr Vater Serbe. Wir heirateten 2005. Meine Frau wollte nicht in Russland leben, weil sie die Sprache nicht beherrschte und weder Freunde noch Bekannte dort hatte. Sollte ich nun in Russland bleiben oder mit meiner Frau ein gemeinsames Leben aufbauen? Ich entschied mich für die Familie. Darum musste ich ein System aufbauen, das sich selbst tragen würde, das ein ausgewogenes Mass an Regeln und Freiheit hätte, wo Führung und Kontrolle funktionieren, ohne dass ich selbst ständig eingreifen oder darin involviert sein müsste.

Weltwoche: Wie genau haben Sie die Struktur der Gruppe aufgebaut?

«Sanktionen, die Energie und Dünger betreffen, sind wirtschaftliche Massenvernichtungswaffen.»

Melnitschenko: Es ist gewöhnliche Corporate Governance. Das Management führt die Geschäfte und wird vom Verwaltungsrat kontrolliert. Darüber steht eine Holdinggesellschaft. Den Vorsitzenden der Holding bestimmt eine unabhängige Stiftung mit ausgewiesenen Führungspersönlichkeiten. Der Präsident der Stiftung ist Ronald Noble, früherer Unterstaatssekretär für den Strafvollzug im US-Finanzministerium, Professor der Rechtswissenschaft sowie vierzehn Jahre lang Interpol-Generalsekretär. Die Eurochem- und Suek-Anteile befinden sich in der von ihm verwalteten Stiftung. Er handelt im Interesse der treuhänderisch Begünstigten. Erster Begünstigter war ich. Bei Rücktritt oder Tod würde meine Frau nachrücken, schliesslich würden es meine Kinder sein. Es ging ganz einfach darum, eine für mein Leben, meine Familie und das Unternehmen taugliche Struktur zu finden.

Weltwoche: Wie war Ihre unternehmerische Rolle nach diesem Teilrückzug?

Melnitschenko: Ich blieb Mitglied der Verwaltungsräte als jeweils nicht geschäftsführender Direktor, gab diese Posten nach Ausbruch des Konflikts in der Ukraine aber auf, um die Unternehmen vor sanktionsbedingten Betriebsunterbrechungen zu schützen.

Weltwoche: Bevor wir auf dieses Thema kommen: Was ist der Grund für Ihren immensen Erfolg, was zeichnet Sie als Unternehmer aus??

Melnitschenko: Ich sehe, wie die Dinge am besten organisiert werden sollten. Man kann es Vision nennen. Ich denke, meine grösste Leistung besteht darin, dass ich jährlich nur fünf oder sechs Wochen für die von mir gegründeten Unternehmen aufgewendet habe. Es gibt viele Leute, die Konzerne aufgebaut haben. Die grösste Herausforderung für mich lag darin, sie aufzubauen, ohne dafür allzu viel Zeit zu verwenden, sei es physisch im Büro oder in Form von Gesprächen mit dem Management. Meine Freiheit bedeutet mir viel. Freiheit ist Zeit zum Nachdenken.

Weltwoche: Irgendwann kam die Schweiz ins Spiel, als Hauptsitz für Eurochem und als Wohnsitz für Ihre Familie. Warum ausgerechnet die Schweiz?

Melnitschenko: Wegen der Rechtsstaatlichkeit, der Neutralität und der Freiheit. Wir hatten den Eindruck, dass sich die Politik hier nicht in die Geschäftstätigkeit hineindrängt. Die Entscheidung für die Schweiz beruhte in persönlicher Hinsicht auf der Annahme, dass es schön und sicher ist, in der Schweiz zu leben. Und aus Unternehmenssicht erschien das Land als besonders unternehmensfreundlicher Standort.

Weltwoche: Und St. Moritz?

Melnitschenko: In den ersten Jahren lebten wir an verschiedenen Orten in Europa, probierten alles Mögliche aus. Schliesslich kamen wir nach St. Moritz. Zuerst mieteten wir ein Objekt, dann bauten wir unser Haus und sind seit 2009 offiziell dort ansässig. St. Moritz wählten wir aus, weil es für uns ein Ort ist, an dem man wunderbar leben und Kinder grossziehen kann. Uns gefällt die Engadiner Landschaft mit ihren Seen und Bergen. Wir fahren gern Ski, wir lieben das Velofahren. Wir schätzen das gesunde Klima. Ausserdem brauchte ich ja nicht mehr ins Büro zu gehen, so dass es kein Problem war, abseits von Grossstädten zu leben.

Weltwoche: Welche Gründe sprachen für Zug als Eurochem-Hauptsitz?

Melnitschenko: Die Eurochem wuchs schnell. 2011, 2012 wurde klar, dass die Hauptambitionen der Firma im Ausland liegen müssen. Unser Marktanteil in Russland durfte nicht mehr grösser werden, aus Gründen der Monopolgesetzgebung. Wir hatten bereits Ableger in Europa, in Brasilien, in den Vereinigten Staaten. Daher suchte die Unternehmensleitung nach einem neuem Hauptquartier für ein zusehends globales Unternehmen. 2014 wurde beschlossen, das Unternehmen in Zug anzusiedeln.

Weltwoche: Wie erlebten Sie damals die Schweiz, privat und geschäftlich?

Melnitschenko: Es war alles so stimmig und einfach zu verstehen: Halte dich einfach an die gesetzlichen Vorgaben und zahle deine Steuern. Man muss seine Zeit hier nicht mit dem Knüpfen von Beziehungen oder mit dem Aufbau nützlicher «Freundschaften» vergeuden. Wir hatten unser eigenes Leben, ganz privat, ich gab keine Interviews, und ehrlich gesagt kannte ich nicht mal den Namen des Gemeindepräsidenten von St. Moritz. Ich hatte keine Ahnung, welche politischen Parteien es in meinem Kanton gab und was ihre Parteiprogramme waren. Ich kam nach Hause, stieg auf mein Velo und dachte mir nichts weiter dabei. Darin bestand für mich die besondere Anziehungskraft der Schweiz.

Weltwoche: Und plötzlich schlägt der Ukraine-Krieg in Ihr Leben ein wie eine Bombe.

Melnitschenko: Im Rückblick unterlag ich sicher einer Fehleinschätzung. Wir hätten mehr tun müssen – damit meine ich mich selbst und die von mir gegründeten Unternehmen – um uns in die Gesellschaft zu integrieren und Reputationskapital aufzubauen. Und als die Krise da war, erwies sich, dass die Öffentlichkeit und die Politiker, wenn sie nicht wissen, wer man ist, sich ihr eigenes Bild machen, leider behaftet mit Klischees und falschen Vorstellungen.

Weltwoche: Nun stehen Sie im Fadenkreuz der Behörden. Grund sei auch Ihre Teilnahme an einer Kreml-Sitzung vom 24. Februar, als Putin einer Gruppe von russischen Unternehmern den Einmarsch seiner Truppen in der Ukraine erklärte. Warum waren Sie an dieser Sitzung?

«Ich war fasziniert vom Kollaps der Sowjetunion. Ich stand mitten in diesem Vulkan voller Chancen.»

Melnitschenko: Lassen Sie uns genau sein: Seit 2004 konzentriert sich der unternehmerische Teil meines Lebens auf 5 Wochen pro Jahr. In den übrigen 47 Wochen beschäftige ich mich mit allen möglichen Dingen, vor allem mit Wohltätigkeitsarbeit und ehrenamtlichen Aktivitäten. Dazu gehört nun meine Position im Russischen Industriellen- und Unternehmerverband. Da geht es um klassische Interessenvertretung von Privatunternehmen gegenüber dem Staat. Das Instrument heisst Dialog, institutionalisierter Dialog. Im Verband war ich zunächst Repräsentant des Bergbausektors. Heute bin ich Vorsitzender des Ausschusses für Klimawandel und Kohlenstoffregulierung. Ich habe die Aufgabe, die Interessen der russischen Industrie zu bündeln, weil Klimafragen sowohl national als auch international immer bedeutsamer werden. Das war der Rahmen der damaligen Veranstaltung.

Weltwoche: Die Bilder jener Zusammenkunft im Kreml am 24. Februar gingen um die Welt. Für die Medien und die Politik war klar: Hier schwört Putin seine Getreuen, seine «Oligarchen», Unterstützer und Financiers, auf den Krieg ein. Sie mittendrin.

Melnitschenko: Das ist alles Unsinn. Nichts davon trifft zu. Es war eine ordentliche Versammlung. Wir waren alle schockiert über die Geschehnisse in der Ukraine. Wir hörten erst in den Nachrichten davon, als wir an dem Morgen aufwachten. Die Zusammenkunft fand am frühen Nachmittag statt. Wir waren in einem emotionalen Ausnahmezustand.

Weltwoche: Wie gut kennen Sie Präsident Putin?

Melnitschenko: Ich kenne ihn gar nicht, habe ihn nie allein getroffen. Es gab keine gemeinsamen Essen oder Gespräche unter vier Augen. Im Rahmen meiner Verbandstätigkeit habe ich ihn ein paarmal in Gruppen von mindestens fünfzehn Leuten gesehen.

Weltwoche: Hatten Sie den Krieg kommen sehen?

Melnitschenko: Nein, ganz bestimmt nicht. An jenem Morgen war das Undenkbare geschehen: Das russische Militär beschoss Ziele in der Ukraine, und Menschen starben.

Weltwoche: Was war Ihr erster Gedanke?

Melnitschenko: Dass die Welt, wie wir sie kennen und in der wir nach dem Zusammenbruch des Sowjetblocks fast 35 Jahre lang gelebt haben, sich gerade drastisch verändere. Das waren die Jahre ohne die allgegenwärtige Konfrontation im Kalten Krieg, und ich bezweifle, dass es innert der Lebensspanne unserer Generation jemals wieder so sein wird. Es ist mehr als nur ein erbittert ausgefochtener Bürgerkrieg zwischen brüderlichen Völkern. Die Welt bricht gerade auseinander. Die Folgen werden für Milliarden von Menschen, die mit diesem Konflikt überhaupt nichts zu tun haben, zu spüren sein.

Weltwoche: Haben Sie geahnt, dass Sie auf einer Sanktionsliste landen würden?

Melnitschenko: Ich war sicher, dass die von mir gegründeten Unternehmen in Mitleidenschaft gezogen würden. Aber persönliche Sanktionen gegen mich als staatsunabhängigen freien Unternehmer – nein, damit hatte ich nicht gerechnet.

Weltwoche: Wie war die Stimmung bei den Unternehmern nach der Sitzung mit Putin in diesem absurd hohen Kreml-Raum?

Melnitschenko: Fassungslosigkeit. Ungläubigkeit. Wir versuchten, die neue Realität zu begreifen. Bald wurde klar: Das hier ist ein historischer Moment, eine Zäsur. Wir treten gerade in ein neues Zeitalter ein.

Weltwoche: Die EU setzte Sie auf die Sanktionsliste, die Schweizer folgten, interessanterweise aber nicht die USA. Washington sanktioniert weder Sie noch die von Ihnen gegründeten Unternehmen.

Melnitschenko: Das stimmt.

Weltwoche: Sie haben sich, als Unternehmer mit russischem Pass, von Anfang an öffentlich gegen den Krieg ausgesprochen, ihn verurteilt. Dennoch wurden Sie von der EU und der Schweiz in die Zange genommen.

«Wenn Sie ein Terrorist sind und einen Bahnhof in die Luft sprengen, lässt man Ihre Frau in Ruhe.»

Melnitschenko: Jeder Krieg ist eine Tragödie, und ich befürworte eine Einigung mit ausschliesslich diplomatischen Mitteln. Es muss so schnell wie möglich Frieden geschaffen werden. Wir brauchen ihn dringend.

Weltwoche: Sie stehen zwischen den Fronten.

Melnitschenko: So sieht’s aus. Wäre ich je auf die Idee gekommen, dass ich in der Schweiz, in einem Land mit einer jahrhundertealten Tradition der Neutralität, als mutmasslich enger Vertrauter des russischen Präsidenten angesehen würde, dem Sanktionen auferlegt werden sollten, um auf diese Weise maximalen Druck auf ihn auszuüben, weil das dazu beitragen würde, die entsetzlichen Ereignisse in der Ukraine zu stoppen? Niemals hätte ich das gedacht. Die von der Schweiz ergriffenen Massnahmen haben mich überrascht, aber in konflikthaften Zeiten gehen die emotionalen Wogen hoch – und man muss auch mit dem Unwahrscheinlichen rechnen. Es ist wie ein Naturgesetz, politischer Magnetismus. In jedem Krieg ist das so. Die öffentliche Meinung verfestigt sich. Jeder, der eine abweichende Meinung zum Ausdruck bringt, zieht sich den Hass von jemand anders zu. Habe ich das Risiko vorausgesehen, dass ich nun in Russland, wo die von mir gegründeten Unternehmen tätig sind, als unpatriotisch angesehen werden könnte, weil ich seit siebzehn Jahren nicht mehr in Russland lebe? Natürlich, auch das kann geschehen.

Weltwoche: Wie haben Sie von den Sanktionen erfahren?

Melnitschenko: Aus den Nachrichten. Am 4. März verliess ich nach einer Sitzung bei Eurochem die Schweiz, um meinen 50. Geburtstag mit meiner Familie in Tansania zu feiern. Dort erfuhr ich, dass mich die EU auf die Sanktionsliste gesetzt hatte. Ein perfektes Geschenk zum 50. Geburtstag, und auch so symbolisch. Der Zeitpunkt hätte nicht besser gewählt sein können.

Weltwoche: Sie lächeln sarkastisch.

Melnitschenko: Manchmal bleibt einem nur noch der Humor. Aber es wird ja noch komplizierter. Meine Frau ist Bürgerin der Europäischen Union. Das macht sie aus russischer Sicht zur Bürgerin eines unfreundlichen Staates. Mich wiederum behandeln die Europäische Union und die Schweiz wie einen Verbrecher. Ich muss mir westliche Politiker und TV-Moderatoren ansehen, die Leute dazu ermuntern, den «Oligarchen» zu jagen, der sein Vermögen vor den neugierigen Blicken der beunruhigten Öffentlichkeit zu verbergen sucht.

Weltwoche: Was ist eigentlich ein «Oligarch»?

Melnitschenko: Sagen Sie es mir. In alten Zeiten wurden politisch mächtige, einflussreiche Menschen so genannt. Heute ist der Begriff Synonym für wohlhabende Russen, denen Verwicklung in politische Machenschaften, Korruption, Erwerb ihres Reichtums durch politische Beziehungen oder Einsatz ihres Reichtums zwecks Erlangung politischer Einflussnahme vorgeworfen werden. Das ist das genaue Gegenteil von meiner Geschichte.

Weltwoche: Sind Sie kein Oligarch?

Melnitschenko: (Lächelt) Wie kann jemand politische Macht oder Einflussmöglichkeiten in einem Land haben, in dem er in den letzten zehn Jahren weniger als fünf Wochen verbracht hat? Die von der EU gegen mich verhängten Sanktionen beruhen auf zwei Behauptungen: Erstens, dass ich mutmasslich «Mitglied des engsten Kreises von Wladimir Putin» sei. Fakt ist: Ich habe den russischen Präsidenten in meinem ganzen Leben niemals allein getroffen. Wenn ich ihn getroffen habe, dann allenfalls in Gruppen von mindestens fünfzehn Leuten. Alle meine Begegnungen mit ihm fanden im Zusammenhang mit meiner Tätigkeit als Mitglied des Russischen Industriellen- und Unternehmerverbands statt, bei dem mein Programm auf den Klimawandel konzentriert war. Mich als einen engen politischen Vertrauten des Präsidenten zu bezeichnen, als einen mit dem russischen Staat verbandelten «Oligarchen», ist absurd.

Weltwoche: Wie lautet der zweite Vorwurf?

Melnitschenko: Mutmasslich sei ich tätig «in Wirtschaftsbereichen, die für die Regierung der für die Annexion der Krim und die Destabilisierung der Ukraine verantwortlichen Russischen Föderation eine bedeutende Einkommensquelle darstellen». Hierzu möchte ich Folgendes klarstellen: Das einzige Einkommen, das die Regierung der Russischen Föderation von Eurochem und Suek erhält, sind die von diesen Unternehmen in Russland gezahlten Steuern. Ich gehe davon aus, dass jedes Unternehmen die Gesetze des Landes, in dem es geschäftlich tätig ist, zu befolgen hat; dass es völlig normal ist, Steuern zu zahlen – und eine Straftat, keine Steuern zu zahlen. Es ist doch recht ungewöhnlich, für die Entrichtung von Steuern bestraft zu werden.

Weltwoche: Das ist die dürftige Grundlage der Sanktionen?

Melnitschenko: Ich fasse es für mich so zusammen: Ich werde bestraft, weil ich Russe bin. Denn viele Nichtrussen, viele Leute aus der westlichen Welt vor allem, Politiker, Manager, die viel engere Beziehungen zu Putin haben als ich, werden nicht bestraft. Mein Nachteil ist offenbar: Ich bin Russe. Zweitens: Ich bin reich. Deshalb bin ich auf der Sanktionsliste. Russe, reich, finito.

Weltwoche: Welche Auswirkungen haben die Sanktionen auf Sie, Ihre Familie und die Unternehmen?

«Von den Sanktionen habe ich an meinem 50. Geburtstag in Afrika erfahren. Aus der Zeitung.»

Melnitschenko: Alle Privat- und Familienkonten sind gesperrt, private Vermögenswerte und Sachanlagen der Familie festgesetzt. Grosse Rechtsunsicherheit ist bei den Unternehmen entstanden. Der Betrieb ist erheblich eingeschränkt. Am schlimmsten aber ist: Mein Familienleben ist komplett aus den Fugen. Ich darf nicht länger in die EU einreisen, obwohl meine Familie in Europa lebt. Die Kinder können ihre Freunde nicht treffen, sie vermissen ihre Spielsachen und stellen Fragen, die ich ihnen nicht beantworten kann.

Weltwoche: Konnten Sie Ihren Standpunkt gegenüber der EU jemals darlegen?

Melnitschenko: Ein solches Prozedere gibt es nicht. Das Amtsblatt der Europäischen Union befindet, dass man jetzt ein Straftäter ist – und damit hat es sich. Es gibt kein Verfahren. Auf der Hand liegt, dass das Ziel der Wirtschaftssanktionen darin besteht, Druck auf das politische Regime eines anderen Staates auszuüben. Wie aber soll die Sperrung meiner in der EU und in der Schweiz befindlichen Vermögenswerte oder die Zerstörung der von mir in den letzten dreissig Jahren aufgebauten Unternehmen die Erreichung dieses Ziels befördern? Ich verstehe beim besten Willen nicht, wie eine solche Massnahme dazu beitragen könnte, die Feindseligkeiten zwischen Russland und der Ukraine zu beenden. Ebenso wenig verstehe ich, wie die Verfolgung meiner in Europa geborenen und aufgewachsenen Frau dazu beitragen kann, ein akzeptables Friedensabkommen zwischen Russland und der Ukraine zu erreichen.

Weltwoche: EU-Experten sagen, Sanktionen seien keine Strafe, sondern eine «vorsorgliche Massnahme».

Melnitschenko: Ich sehe das anders. Man wird durch Sanktionen seiner Eigentumsrechte als auch seiner Freizügigkeitsrechte faktisch beraubt. Die Sanktionen stellen sehr wohl eine Bestrafung dar, und zwar eine ziemlich harte. Die europäische Rechtstradition der letzten 800 Jahre – irgendwann seit der Magna Carta – besagt, dass es nicht möglich sein sollte, ein Verhalten zu bestrafen, das keine Gesetzesverletzung darstellt. Der Angeklagte hat ausserdem das Recht, den gegen ihn geltend gemachten Sachverhalt zu hören, seine Einwände vorzubringen und seinen Fall von einem redlichen und unabhängigen Gericht untersuchen zu lassen.

Weltwoche: Das alles gilt in Ihrem Fall nicht.

Melnitschenko: Ich verstehe die öffentliche Empörung über den gegenwärtigen Konflikt. Ich bin auch bereit, zu verstehen, dass es für die allgemeine Öffentlichkeit schwer ist, die beiden Konzepte voneinander zu trennen: nämlich das der formalen Zugehörigkeit zu einem Land als Staatsbürger einerseits und das der aktiven Beteiligung an bestimmten politischen Entscheidungen andererseits. Aber kann eine Sanktion, die in die Eigentumsrechte einer Person eingreift, deren einziger Fehler darin besteht, dass sie aus Sicht der öffentlichen Meinung den falschen Pass besitzt, akzeptabel sein? Das bedeutet eine bewusste Zerstörung der über Jahrhunderte und Generationen hinweg geschaffenen Rechtstraditionen, denen Europa seinen Erfolg verdankt.

Weltwoche: Es war zu lesen, dass Sie alle Unternehmensanteile auf Ihre Frau übertragen hätten. Das führte zu weiteren Beschuldigungen, und schliesslich setzte die EU auch Ihre Frau auf die Sanktionsliste.

Melnitschenko: Auch diese Darstellung ist falsch. Die Eurochem- und Suek-Anteile werden bereits seit 2006 von einer Stiftung treuhänderisch verwaltet. Gemäss der Stiftungsurkunde handeln die Treuhänder unabhängig und nach Massgabe klarer Regeln. Die Stiftung wurde mit dem Ziel und Zweck begründet, den Erhalt der von mir gegründeten Unternehmen auch im Falle meines Todes oder meiner Geschäftsunfähigkeit zu gewährleisten. Die Stiftungsdokumente bestehen in ihrer gegenwärtigen Form unverändert seit nunmehr sechzehn Jahren.

Weltwoche: Kurz nach Kriegsbeginn haben Sie sich als Begünstigter der Stiftung zurückgezogen, gleichsam institutionellen Selbstmord begangen.

Melnitschenko: Am 24. Februar veränderte sich alles. Bilder von mir an jener Versammlung im Kreml machten die Runde. Die deutschen, die britischen Medien begannen auf mich zu schiessen. Also entschloss ich mich zu diesem Schritt. Infolgedessen trat meine Frau als Begünstigte automatisch an meine Stelle – genau so, wie es vor sechzehn Jahren geplant worden war.

Weltwoche: Das ist ein unglaublicher Vertrauensbeweis an Ihre Frau, die nun alleinige Begünstigte Ihres riesigen Vermögens ist.

Melnitschenko: Ja, natürlich habe ich vollstes Vertrauen, aber vor allem musste ich verhindern, dass die gegen mich verhängten Sanktionen die Existenz meiner Unternehmen gefährden. Dieser Schritt war die einzige legitime und unkomplizierte Lösung.

Weltwoche: Was wäre passiert, wenn Sie sich nicht zurückgezogen hätten?

Melnitschenko: Die Existenz der Unternehmen und das Schicksal von über 100 000 Mitarbeitenden standen auf dem Spiel. Zuerst wusste ja niemand, was die Sanktionen bedeuten. Die Banken bekamen es mit der Angst zu tun. Die Regierungen tappten im Nebel. Lieferanten und Kunden waren verunsichert. Niemals zuvor gab es in der europäischen Geschichte solch drastische Sanktionen, und so wusste niemand, wie er reagieren sollte.

Weltwoche: Wenn ich richtig verstehe, hat Ihre Frau keinerlei Funktion in der Firma. Sie ist nicht Eigentümerin. Sie ist lediglich Begünstigte der Stiftung, ausserdem Bürgerin der Europäischen Union. Wie kommt die EU auf die Idee, Ihre Frau zu sanktionieren?

«Ich kenne Putin gar nicht. Ich habe ihn nie alleine getroffen. Es gab keine Gespräche unter vier Augen.»

Melnitschenko: Was soll ich sagen? Das hätte ich niemals erwartet. Wenn Sie ein Terrorist sind und einen Bahnhof in die Luft jagen, dann lässt man Ihre Ehefrau in Ruhe. Wenn Sie ein Mafioso sind und einen anderen Mafioso erschiessen, dann werden die Strafverfolger Ihre Frau nicht behelligen. Meine Frau hat nie in Russland gelebt, sie hatte nie einen russischen Pass. Sie ist kroatische und serbische Staatsbürgerin. Zum ersten Mal in der europäischen Geschichte sanktioniert die EU eine Bürgerin eines Mitgliedsstaates. Meine Frau hat den Präsidenten von Russland niemals getroffen, nicht einmal in einer Gruppe von tausend Leuten. Sie hat ihn vielleicht ein paarmal im Fernsehen gesehen. Alle zwei Jahre war sie für durchschnittlich eine Woche in Russland. Sie wurde zur Zielscheibe der EU, weil sie meine Frau und die Mutter meiner Kinder ist.

Weltwoche: Wie begründet die EU die Sanktionen gegen Ihre Frau?

Melnitschenko: Die EU wirft meiner Frau vor, von mir «profitiert» zu haben. Ich frage mich: Ist es eine Straftat, wenn eine Frau von ihrem Ehemann «profitiert»? Sollte eine Frau durch die Ehe mit ihrem Mann nicht sämtliche Vorteile geniessen dürfen? Die EU legt meiner Frau ausserdem zur Last, dass sie gemeinsam mit mir Häuser und Wohnungen im Wert von dreissig Millionen US-Dollar besitze. Erstens: Die Häuser und Wohnungen gehören ausschliesslich meiner Frau. Zweitens betrug mein Jahresanfangsvermögen gemäss Forbes 28 Milliarden US-Dollar. Die Häuser machen demzufolge einen Anteil von 0,1 Prozent aus. Für die EU stellt es offenbar ein sanktionsrechtfertigendes Problem dar, wenn eine Frau nach siebzehn Jahren Ehe Eigentum besitzt, das sich auf 0,1 Prozent des Vermögens ihres Ehemannes beläuft. Wie kann solcher Unfug Eingang in ein offizielles Dokument der EU finden, die doch eines der angesehensten politischen Organe der Welt sein will?

Weltwoche: Wie wehren Sie sich?

Melnitschenko: Erstens haben unsere Anwälte einen Nachprüfungsantrag an den Rat der EU gestellt. Es heisst, dass diese Sanktionen das Ziel haben, «Russland massive und schwerwiegende Folgen aufzuerlegen», um das Land zu zwingen, den militärischen Einsatz schnellstmöglich zu beenden. Meine Familie und ich leben bereits seit langer Zeit nicht mehr in Russland und haben keinerlei Möglichkeit, die russische Aussenpolitik zu beeinflussen. Die Sanktionen können zur Erreichung von Frieden in der Ukraine nichts beitragen.

Weltwoche: Haben Sie gegen diese Willkür nicht Klage eingereicht?

Melnitschenko: Doch. Wir haben beim Europäischen Gerichtshof, bei der EU und bei Schweizer Behörden Klage eingereicht. Die förmliche Begründung für die gegen mich und meine Familie verhängten Sanktionen ist unsinnig. Ich bin kein Oligarch. Ich bin kein «Mitglied des engsten Kreises». Die Entrichtung von Unternehmenssteuern stellt keine Straftat dar, sondern entspricht natürlichem und rechtmässigem Verhalten. Die Bestrafung meiner Frau allein dafür, dass sie an meinem Erfolg seit siebzehn Ehejahren teilhat, entbehrt jeder rechtlichen Grundlage. Ich hoffe, dass der gesunde Menschenverstand und die Rechtsstaatlichkeit hier schliesslich obsiegen.

Weltwoche: Wie schätzen Sie in alldem die Rolle der Schweiz ein?

Melnitschenko: Meine Familie lebt seit 2009 in der Schweiz. Wir haben uns für dieses Land entschieden, weil es, so mein Eindruck zu jener Zeit, schön, sauber und sicher, darüber hinaus dem Rechtsstaatlichkeitsprinzip verpflichtet ist und weil es liebenswürdige Menschen hat. Ich erhielt eine Aufenthaltsbewilligung und ging davon aus, dass meine Identität und meine Reputation vorab geprüft worden waren, dass ich akzeptiert würde und dass mir das Aufenthaltsrecht gewiss verwehrt worden wäre, wenn ich ein Straftäter oder eine politisch fragwürdige Person gewesen wäre. Schliesslich steht die Schweiz nicht jedem offen, sondern verfügt über bestimmte Sicherheitsbarrieren, mit denen die Interessen der Schweizer geschützt werden. Bad guys müssen draussen bleiben. Nun frage ich mich: Wenn ich damals ein good guy war, was hat sich seither geändert? Warum bin ich jetzt plötzlich ein bad guy? Und wenn ich ein bad guy bin, dann sollten die Schweizer ihre Regierung fragen: Warum habt ihr den bad guy überhaupt erst in euer Land gelassen?

Weltwoche: Hat die Schweiz wirklich alle EU-Sanktionen gegen Sie und Ihre Frau übernommen?

Melnitschenko: Die Schweiz hat die Sanktionen eins zu eins übernommen. Copy-paste. Die Regierung hat diese souveräne Entscheidung der EU überlassen. Bern hat meinen Fall nicht unabhängig untersucht, sondern die Verantwortung an eine ausländische Behörde weitergereicht. Ich las, dass das in der Geschichte der Eidgenossenschaft einmalig sei, ein Präzedenzfall. Das kam ganz unerwartet für mich. Ich hätte erwartet, dass die Schweiz jeden Namen auf der Sanktionsliste mit der gebührenden Sorgfalt prüfen würde, insbesondere bei Personen, die ihren Wohnsitz in der Schweiz haben und dort entsprechend gut bekannt sind. Ich hätte erwartet, dass die Fakten geprüft und dass Betroffene Gelegenheit zur Stellungnahme erhalten würden. Stattdessen hat mir die Schweiz ihren rechtlichen Schutz entzogen. Sie hat einen EU-Beschluss mitgetragen, indem sie einen Mann und seine Familie, die hier seit vielen Jahren leben, sich regeltreu verhalten und alle für den rechtmässigen Aufenthalt geltenden Bedingungen erfüllen, in die Zange nimmt. Ich habe mich hier in der Annahme niedergelassen, dass die Schweiz ein souveräner, auf dem Rechtsstaatlichkeitsprinzip fussender Staat ist, in dem solche Dinge nicht passieren können. Dasselbe gilt für den Fall meiner Frau. Sobald die EU Sanktionen verhängte, zog die Schweiz nach.

Weltwoche: Haben Sie beim Bundesrat Einspruch erhoben?

Melnitschenko: Natürlich. Wir haben vor den EU-Sanktionen gegen meine Frau im Juni eine Bitte an den Bundesrat und an die Bundeskanzlei geschickt, man möge eine allfällige Entscheidung ein paar Tage hinauszögern, damit wir die Möglichkeit hätten, unsere Sicht darzulegen. Wenn Sie uns für schuldig erachten, sanktionieren Sie uns, aber bitte geben Sie uns die Chance einer Anhörung.

Weltwoche: Wie lautete die Antwort?

Melnitschenko: Es gab keine.

Weltwoche: Erstaunlich.

«In die Schweiz kamen wir wegen des Rechtsstaats, der Neutralität und der liebenswerten Leute.»

Melnitschenko: Ich hätte nie gedacht, dass die Schweiz Menschen so behandeln würde. Menschen, die ihren ständigen Wohnsitz hier haben und seit Jahren hier ihre Steuern zahlen. Meine Familie wird bestraft, weil ich die falsche Nationalität habe und wohlhabend bin.

Weltwoche: Befinden Sie sich noch im Gespräch mit den Schweizer Behörden?

Melnitschenko: Kürzlich haben wir ein weiteres Schreiben an den Bundesrat geschickt und ihn um unabhängige Prüfung unseres Falls ersucht.

Weltwoche: Lassen Sie uns abschliessend auf das Gesamtbild blicken. Sie haben eines der weltgrössten Produktionsunternehmen für Düngemittel gegründet. Sie waren auch im Energiesektor sehr erfolgreich. Was bedeuten die EU-Sanktionen gegen Russland und russische Unternehmer für die Welt?

Melnitschenko: In Bezug auf die Düngemittelproduktion bedeuten die EU-Sanktionen Leid, Hungersnot und Migrationsströme von vielen hundert Millionen Menschen. Sanktionen, die Nahrungsmittel und Energie betreffen, sind wirtschaftliche Massenvernichtungswaffen. Sie treffen Unschuldige am härtesten. Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass Milliarden Menschen ihre Auswirkungen spüren werden. Die Welt wird Fragen haben an diejenigen, die eine solch entsetzliche Kraft – Hunger und Energie-Armut – entfesselt und sie auf Milliarden Menschen losgelassen haben, um ihre politischen Ziele zu erreichen. Und es wird dann keine Möglichkeit geben, die Verantwortung auf andere abzuwälzen.

Weltwoche: Man wird sagen, Putin habe mit seinem Einmarsch in der Ukraine das ganze Elend verursacht.

Melnitschenko: Ich verurteile jeden Krieg. Aber es ist nicht Russland, das entschieden hat, die Düngerlieferung an die Weltmärkte zu kappen, ebenso wenig waren es die Uno oder die Vereinigten Staaten. Diese Sanktions-Politik ist das Werk der EU und ihrer Mitgliedstaaten. Es war nicht der Präsident Russlands, der den Betrieb der Eurochem-Fabrik in Litauen vor zweieinhalb Monaten zum Erliegen brachte. Soweit ich weiss, konnte und könnte diese Fabrik Düngemittel zur Sicherstellung der Nahrungsmittelversorgung von fünf bis sieben Millionen Menschen herstellen. Es war die litauische Regierung, welche die Welt um diese Düngemittel brachte.Es war auch nicht der Präsident Russlands, der den Düngemittel-Lieferkettenbetrieb in Frankreich, Deutschland und Italien stoppte. Vielmehr waren es diese Länder selbst. Und wieder war es nicht der Präsident Russlands, der den Estland-Transit von Düngemitteln und Rohstoffen zur Düngemittelherstellung verhinderte. Es war die estnische Regierung.Das ist ziemlich seltsam, da sich die G-7-Länder und eine Milliarde ihrer Bürger doch immer noch als die moralischen Führer der Welt sehen und dabei über die Interessen der anderen sieben Milliarden Menschen auf der Erde hinweggehen. Der Westen will der Ukraine helfen und hat das souveräne Recht, das auch zu tun – doch darf das nicht ohne Verantwortungsbewusstsein geschehen. Der Einsatz von wirtschaftlichen Massenvernichtungswaffen ist die falsche Wahl.

Weltwoche: Das sind krasse Szenarien. Können Sie das beziffern?

Melnitschenko: Anfang der 1960er Jahre lebten drei Milliarden Menschen auf der Welt. Heute sind es acht Milliarden. Gleichzeitig hat sich die landwirtschaftliche Nutzfläche nicht wesentlich verändert. Wodurch wurde es möglich, fünf Milliarden Menschen mehr mit Nahrungsmitteln zu versorgen? Durch Düngemittel, ausschliesslich durch Düngemittel. Russland und Belarus beliefern die Landwirte der Welt mit 17 Prozent aller Düngemittel. Fallen diese Lieferanten am Weltmarkt weg, dann verliert die Welt nach nur wenigen Ernten Nahrungsmittel für nahezu 750 Millionen Menschen. Aufgrund der durch die EU und die Schweiz verhängten Sanktionen hat die Belieferung mit russischen und belarussischen Düngemitteln bereits um 30 oder sogar 40 Prozent abgenommen. Der durch diese Sanktionen angerichtete Schaden ist mit dem der russischen Regierung durch sinkende Steuereinnahmen beigebrachten Schaden nicht vergleichbar.

Weltwoche: Was würde passieren, wenn das in der Schweiz domizilierte Unternehmen Eurochem aufgrund der Sanktionen überhaupt keine Düngemittel mehr herstellen könnte?

Melnitschenko: Im Jahr 2021 hat Eurochem 19,1 Tonnen Dünger produziert. Das entspricht dem Bedarf für ungefähr 84 Millionen Tonnen Getreide. 84 Millionen Tonnen Getreide ernähren fast 274 Millionen Menschen. 274 Millionen Menschen ohne Nahrung – das passiert, wenn Eurochem von der Düngemittelerzeugung ausgeschlossen wird.

Weltwoche: Eine Katastrophe.

Melnitschenko: Die Getreidepreise sind bereits jetzt höher als 2011 zur Zeit des Ausbruchs des Arabischen Frühlings in Nordafrika und im Nahen Osten. Die Schweizer und die Europäer können zweistellige Inflationsraten bei den Lebensmittelpreisen verkraften. Aber die Reichen werden die Armen mit ihrer Kaufkraft an die Wand drücken, zum Beispiel die Kinder in Afrika, die Menschen in Asien und das leidgeprüfte Sri Lanka. Wir wissen nicht, ob die Menschen in der Dritten Welt bereits sterben oder «nur» hungern oder abwandern. Es sind soziale Unruhen zu erwarten. Vielleicht wird auch der Dschihad seine schwarze Fahne wieder hissen. Das sind keine wilden Theorien, sondern Fakten.

Weltwoche: Das in der Ukraine festsitzende Getreide ist ein grosses Thema in den Nachrichten. Nur ein Tropfen auf den heissen Stein?

Melnitschenko: Dieses Getreide betrifft die Situation heute. Düngemittel betreffen ein viel grösseres Problem in der Zukunft. Hierzu zwei Zahlen: In der Ukraine sitzen 1,5 Millionen Tonnen Getreide in den Häfen fest. Alle ukrainischen Silos zusammen fassen fünfzehn Millionen Tonnen. Darüber spricht Europa. Worüber Europa aber nicht spricht: Russland und Belarus haben 46 Millionen Tonnen Düngemittel auf dem Weltmarkt verkauft. Das bedeutet nahezu 230 Millionen Tonnen Getreide, und das wiederum ist das Vierzehnfache der in der Ukraine blockierten Menge. Das Düngemittelproblem hat eine völlig andere Grössenordnung.

Weltwoche: Die EU sagt: Wir sanktionieren keine Unternehmen. Wir sanktionieren die Eigentümer.

«Bin ich Russe? Man könnte mich auch als Belarussen oder Ukrainer bezeichnen – oder als Schweizer.»

Melnitschenko: Ja, das sagt sie. Gleichzeitig lautet der offizielle Grund für die Sanktionen gegen Russland, man wolle damit «Russland massive und schwerwiegende Folgen auferlegen». Wenn dies tatsächlich das Ziel der Sanktionen ist, dann ist es gar nicht vorstellbar, wie es ohne die Zerstörung russischer Unternehmen erreicht werden kann. Ich glaube nicht, dass sich die EU-Politiker bewusst sind, dass sie allein mit ihren Sanktionen gegen mich die Lebensmittelversorgung von fast 280 Millionen Menschen gefährden.

Weltwoche: Können die Sanktionen Präsident Putin überhaupt in die Knie zwingen?

Melnitschenko: Die Sanktionen schaden der russischen Wirtschaft zweifellos. Es stellt sich nur die Frage: Ist es vernünftig, die russische Wirtschaft mit einem Flächenbombardement von Sanktionen zu überziehen? Die Sanktionen haben Russland getroffen, aber Hunderte Millionen unschuldiger Menschen werden auch bestraft.

Weltwoche: Unter anderem die Bürger der Europäischen Union und der Schweiz.

Melnitschenko: Das gilt auch für die Energie. EU-Politiker zwingen ihre Bürger, zweistellige Inflationsraten hinzunehmen. Das ist die souveräne Entscheidung der EU, aber damit verabschiedet sie sich von ihrem Anspruch, ein verantwortungsvoller globaler Leader zu sein. Die Sanktions-Politik ist eine Katastrophe für die ärmeren Staaten der Welt. Verantwortungsvolle Führung heisst, dass man Kosten und Nutzen seiner Entscheidungen genau abwägt. Erreichen die Sanktionen ihre Ziele? Sind die Kollateralschäden verkraftbar? Kein Arzt verschreibt Medikamente, die seinen Patienten umbringen.

Weltwoche: Was lösen die Sanktionen Ihrer Meinung nach in Russland aus?

Melnitschenko: Das geht aus Meinungsumfragen klar hervor. Es besteht kein Zweifel, dass die Sanktionen die Zustimmungswerte der Regierung ansteigen lassen und ein Erstarken nationalistischer Gesinnungen befördern.

Weltwoche: Wie sehen Sie die zukünftigen Beziehungen zwischen Europa und Russland?

Melnitschenko: Der totale Wirtschaftskrieg gegen Russland dürfte die Beziehungen für die nächsten Jahrzehnte vergiften. Man bestraft ja nicht nur die Befürworter der Regierung, sondern auch alle anderen, einschliesslich der Regimegegner und Nichtwähler. Das ist unfair. Nehmen Sie meinen Fall. Ich bin vollständig in den Westen integriert. Ich lebe seit fast zwanzig Jahren nicht mehr in Russland. Nun bedroht die EU alles, was ich dreissig Jahre lang aufgebaut habe, und zwar nicht als Handlanger oder Günstling der russischen Regierung, sondern als Unternehmer durch Leistung in einem harten Wettbewerb.

Weltwoche: Wie nehmen die Ihnen bekannten internationalen Geschäftsleute die Sanktionen der EU und das Verhalten der Schweiz wahr?

Melnitschenko: Sie pflegten die Schweiz als ein für Ausländer sicheres Land zu erachten und waren davon überzeugt, dass man sich auch in der EU auf das Rechtsstaatlichkeitsprinzip verlassen kann. Nun beobachten sie sehr genau, was mit den Russen geschieht. Wieder kann man in Europa dafür bestraft werden, die falsche Nationalität zu haben und dazu wohlhabend zu sein. Nehmen Sie einen Unternehmer aus Saudi-Arabien, der mit dem Krieg gegen den Jemen nichts zu tun hat. Er muss realistisch damit rechnen, dass sein Vermögen und das von ihm aufgebaute Unternehmen morgen eingefroren werden, weil sich die politische Stimmung gewandelt hat. Ist es nicht an der Zeit auch für Geschäftsleute chinesischer Herkunft, sich über all diese Dinge Gedanken zu machen?

Weltwoche: Welchen Einfluss wird dieser neue Nationalismus auf die Weltwirtschaft haben?

Melnitschenko: In Europa kann man aufgrund von Geschäftserfolg und Nationalität Angriffen ausgesetzt sein. Es ist kein sicherer Ort mehr, man siedelt sein Vermögen um. Die EU, die Schweiz und Grossbritannien zerstören gerade ihre Attraktivität als Investitionsstandorte. Die Aufgabe ihrer Prinzipien, ihres regelbasierten Rechtssystems, wird sich verheerender auswirken als die Inflation, die in ein paar Jahren ausgeglichen sein wird. Die westliche Gesellschaft, und insbesondere auch die Schweiz, war erfolgreich, weil ihr Erfolg auf einfachen Grundsätzen beruhte: Rechtsstaatlichkeit, Eigentumsgarantie, Demokratie, wobei Letztere aus der Eigentumsgarantie erwächst. Diese Grundsätze sind in Gefahr.

Weltwoche: Mit welchem Gefühl blicken Sie in die Zukunft?

Melnitschenko: Die Zeit des Wohlstands und des gemeinsamen Wachstums könnte zu Ende sein. Es wird komplizierter für die Welt. Europa hat seine Interessen vergessen. Russland und Amerika werden besser zurechtkommen. Ich fürchte sehr, dass wir uns inmitten eines tiefgreifenden Wandels befinden. Wir legen jetzt fest, wie die Welt für die nächsten dreissig bis vierzig Jahre aussehen wird. Vieles hängt vom Weitblick der heutigen politischen Führer ab.

Weltwoche: Welcher Politiker flösst Ihnen noch Vertrauen ein?

Melnitschenko: Der klügste, feinsinnigste Politiker ist derjenige, der eine Vision formulieren kann, wie die Welt in zehn oder zwanzig Jahren aussehen sollte – eine Vision, die von der grossen Mehrheit der Weltbevölkerung als erstrebenswert erachtet und geteilt wird. Mir ist kein solcher Politiker bekannt. Wir leben im Zeitalter des Populismus und kurzfristiger, einander widerstrebender politischer Ziele.

Weltwoche: Fallen wir zurück in ein neues Mittelalter kleinräumiger Interessensphären?

Melnitschenko: Ich hoffe nicht. Aber wir haben es hier mit einer Umwälzung zu tun wie nach dem Zweiten Weltkrieg oder wie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. So ähnlich könnte es auch nach der russischen Revolution oder nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gewesen sein. Eine neue politische Ordnung entsteht. Wir befinden uns an einem Scheideweg. Steuern wir auf einen grossen Krieg zu, möglicherweise auf einen Atomkrieg, einen totalen Wirtschaftskrieg – oder können wir aus dem derzeitigen Debakel etwas Positives erwachsen lassen? Lässt man sich von Gefühlen beherrschen? Oder denkt man über den Augenblick hinaus? Meiner Meinung nach sollte es keine Rolle spielen, wer der good guy und wer der bad guy ist. Schuldzuweisungen sind nutzlos. Wir leben auf einem einzigen Planeten, wir müssen zusammenarbeiten und unsere Interessen friedlich verfolgen. Wohlstand und Frieden müssen das Ziel sein.

Weltwoche: Was halten Sie eigentlich von Russlands Präsident Putin?

Melnitschenko: Ich denke, er hat in den ersten acht Jahren seiner Amtszeit, also von 2000 bis 2008, ausgezeichnete Arbeit zum Wohle der Russen geleistet. Die Lebensumstände der Russen waren nie besser als in jener Zeit, und das Wirtschaftswachstum war beeindruckend. Stellungnahmen zu den letzten Jahren sind deutlich schwieriger. Erlassen Sie mir daher bitte die direkte Beantwortung dieser Frage. Meine geschäftlichen und sozialen Interessen verbinden mich sowohl mit Russland als auch mit dem Westen – und in diesen Zeiten des Massenwahnsinns wird freie Meinungsäusserung zu einer Illusion. Es gibt sie einfach nicht.

Weltwoche: Werden Sie in die Schweiz zurückkehren?

Melnitschenko: Schwierige Frage. Kehrt man in ein Land zurück, in dem man wie ein Verbrecher behandelt wird? Wo die eigenen Kinder aus ihrer gewohnten Umgebung vertrieben werden? Wo man Stalking erfährt, geradezu gejagt wird und wo Politiker die Verhängung noch härterer Sanktionen gegen einen verlangen, ohne den Fall zu kennen? Warum sollte ich das tun? Ich hoffe, dass sich die Stimme der Vernunft durchsetzt. Und ich hoffe immer noch, dass meine damalige Einschätzung der Schweiz korrekt war.

Weltwoche: Gibt es eine neue, bessere Schweiz? Wo würden Sie mit Ihrer Familie und Ihren Geschäftsinteressen heutzutage hinziehen?

Melnitschenko: Einen solchen Ort gibt es noch nicht. Viele werden sich nach Kräften bemühen, den bisherigen Platz der Schweiz einzunehmen.

Weltwoche: Herr Melnitschenko, vielen Dank für dieses Gespräch.