Liebe Dania, ich bin Mutter eines Sohnes. Kürzlich habe ich ihn in seinem Zimmer bei der Selbstbefriedigung überrascht. Mir war es peinlich, und ich habe das Zimmer wortlos verlassen. Soll ich ihn darauf ansprechen?

B. L., Thun

 

Herzlichen Glückwunsch! Sie haben einen sexuellen Sohn. Er hat seinen Körper entdeckt und geniesst ihn. Das ist eine richtig gute Nachricht. Schwierig kann das für uns als Erwachsene sein, wenn das, was wir ohnehin vermuten, offensichtlich wird. Die Überraschung darüber haben Sie nun am eigenen Leib erfahren. Prinzipiell gibt es immer viele Möglichkeiten, auf eine solche Situation zu reagieren. Wie Sie reagiert haben, ist eine davon.

Ich würde Ihrem Sohn auf jeden Fall ein Feedback zu dieser Begebenheit geben.Nun fragen Sie, ob Sie ihn darauf ansprechen sollen, und meine Empfehlung lautet: Ja – tun Sie das! Das muss kein langatmiges und ausuferndes Gespräch werden, doch würde ich Ihrem Sohn auf jeden Fall ein Feedback zu dieser Begebenheit geben. Ein Feedback, das ihm signalisiert: Es ist okay, dass du deinen Körper entdeckst und geniesst! Wir dürfen junge Menschen darin bestärken, dass es richtig ist, sich selbst zu befriedigen. Dass dies im geschützten Rahmen seines eigenen Zimmers geschieht, ist ebenfalls absolut richtig. Sie können ihm mitteilen, dass Sie in dem Moment überrascht und überfordert waren, sich jedoch darüber freuen, dass er seinen Körper geniessen kann.

Wenn Sie nicht mehr darüber sprechen, hinterlässt diese Episode im schlimmsten Fall den Eindruck, dass es nicht okay ist, Selbstbefriedigung zu praktizieren. Dass es womöglich etwas ist, wofür er sich schämen müsste. Und das wäre jammerschade. In Zukunft kann das Klopfen an der Zimmertür derartigen Situationen vorbeugen. Es schützt seine Privatsphäre und erspart ihm solche Überraschungen.

 

Dania Schiftan ist Sexologin, Autorin und Psychotherapeutin in Zürich.

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