Ringo Starr: Look Up. Roccabella, Inc.

Alle Jubeljahre steht er wieder in der Rubrik «Leute» oder «Gesellschaft» und sagt ein paar Sätze über ein neues Album, und wie viel Spass alle Beteiligten im Studio hatten. Illustriert wird das Ereignis meist mit einem Foto, auf dem er beidhändig das Victoryzeichen nach vorn streckt, und die Unterzeile verheisst hoffnungsfroh: «Peace and love!» – Ringos ewiges Mantra seit Jahrzehnten.

Ringo Starr hat längst einen Ehrenplatz in der Requisitenkammer des Pop. Sein regelmässiger musikalischer Output nach dem Beatles-Split 1970 beläuft sich auf immerhin 22 Longplayer und ebenso viele Tourneen mit seiner All-Starr-Band, einem Ensemble, in dem über die Jahre Hochkaräter wie Dr. John, Joe Walsh, Jack Bruce, Levon Helm und Clarence Clemons spielten. Erwähnenswert war zwar kaum eines der Werke, doch Ringo Starr überlebte stets und in Würde – «with a little help from my friends».

 

Seelenruhiges Alterswerk

Im Vorfeld zu seinem 85. Geburtstag grüsste der legendäre Drummer nunmehr mit Cowboyhut aus der «Leute»-Meldung. Doch es war nicht die Ankündigung eines Country-Albums, die elektrisierte – es war eher der Name des Produzenten, der neugierig machte. «Look Up» wurde von T Bone Burnett geschmiedet, der schon die beiden Meisterwerke des Duos Robert Plant & Alison Krauss («Raising Sand» und «Raise the Roof») inszeniert hatte. Der Mann aus St. Louis war auch bei Elvis Costellos letzten Alben an den Reglern und als Co-Star («The Coward Brothers») tätig, arbeitete mit den Coen-Brüdern («O Brother, Where Art Thou?»), mit Elton John, Cassandra Wilson und vielen anderen aus dem Hochadel der amerikanischen Musik.

Aus einem weissen Stetson wird noch kein Country-Album. Und irgendwie war klar, mit T Bone Burnett wird es wohl (Gott sei Dank!) eher eine Sammlung von Americana-Tracks werden. Americana ist eine Vorstufe (vielleicht auch ein Echo) der Country-Musik, ein Zustand, der melancholische Folkweisen in Richtung Country bewegte, zum Zweck der Blutzufuhr. Eine Vorstufe zu Johnny Cash, der sich gerade bei seinen späten Aufnahmen in diesem Zwischenbereich wohlfühlte.

Keine Eile. Richtung egal, Hauptsache, wir kommen irgendwo an.

Ringos «Look Up» lebt und gedeiht in diesem nach Weizenfeldern schmeckenden Zwielicht vorzüglich. Die Lieder sind zum grössten Teil von T Bone Burnett und von vorzüglicher Qualität. Vor allem sind sie für ihren Interpreten geschrieben: Ringos lakonisch schleppender Bariton, der gelegentlich an den achselzuckenden Fatalismus des «Big Lebowski» (noch ein Soundtrack von Burnett) denken lässt, schlendert stoisch neben den Pedal-Steel-Spielereien des beeindruckenden Paul Franklin vor sich hin. Und Ringos gleichmütiges Timbre hat durchaus Humor: Gelassen singt er von vergangenen Leidenschaften, zerronnenen Affären oder auch optimistischen Anträgen, lässt aber den alten Gaul, auf dem er sitzt, nach Belieben vor sich weitertraben. Keine Eile, Richtung egal. Hauptsache, wir kommen irgendwo an. Die Haltung erinnert an einen berühmten Ringo-Dialog aus der Frühzeit der Beatles. Reporter: «How do you find America?» – Ringo staubtrocken mit traurigem Lächeln: «Turn left at Greenland.»

Ringos Schlagzeugstil ist prädestiniert für dieses seelenruhige Alterswerk der Unerschütterlichkeit. Er ist ein Meister der musikalischen Gradlinigkeit, ohne je in routinehaftes Gleichmass abzuschlaffen. Und wenn er sich dann im letzten Lied, der Eigenkomposition «Thankful» (begleitet von der hinreissenden Alison Krauss), beim Leben bedankt, kommt tatsächlich etwas wie Wahrhaftigkeit auf, und man muss ein kleines Tränchen verdrücken.