Humphrey Carpenter, Christopher Tolkien: The Letters of J. R. R. Tolkien. Revised and Expanded Edition. Harper Collins. 708 S., Fr. 54.90

Tolkien und sein Werk sind ein massives Ärgernis für all jene, die eine woke Neuordnung der abendländischen Zivilisation anstreben. Zum einen sind Tolkiens Romane bei Menschen aller Altersstufen und Überzeugungen viel zu bekannt und beliebt, als dass man sie ohne weiteres (wie so vieles andere) diskret dem Vergessen überlassen oder aus welchen Gründen auch immer diskreditieren könnte. Zum anderen ist kaum von der Hand zu weisen, dass ihr Schöpfer nach den Gesichtspunkten der heutigen Berufsdenunzianten mindestens als rechtsextrem bezeichnet werden müsste, da er ein englischer Patriot, ein gläubiger Christ, ein Verteidiger der klassischen Familie, ein Feind des Sozialismus, ein entschiedener Antimodernist und Antiprogressist sowie ein glühender Anhänger von Tradition und Monarchie war.

 

Absurde ideologische Dogmen

Daher bleibt nur zweierlei. Erstens: in beständig neuen «Adaptationen» das Werk so zu entstellen, dass es keine «Gefahr» mehr für das Publikum darstellt, wie kürzlich die unsägliche Amazon-Serie «The Lord of the Rings: The Rings of Power» unter Beweis stellte, welche nicht nur handwerklich überaus schlecht gemacht war, sondern auch kaum einen Programmpunkt der woken Ideologie ausliess und wohl die meisten unbedarften Zuschauer definitiv von jeder weiteren Beschäftigung mit Tolkien abhalten dürfte. Zweitens: jegliche Beschäftigung mit den inneren Überzeugungen und den Selbstaussagen Tolkiens zu unterbinden oder, wo dies nicht möglich ist, scheinheilig darauf zu verweisen, dass sein Werk eine «Existenz für sich selbst» habe und von jeder neuen Generation «zeitgemäss» neu interpretiert werden müsse.

«Scheinheilig», weil die heutige Cancel-Culture gerade diese scheinbare Grosszügigkeit den meisten grossen Namen der Vergangenheit eben nicht entgegenbringt und vielmehr quasi täglich Statuen abmontiert, Romane neu schreibt, Opern absetzt oder «Triggerwarnungen» anbringt, wann immer die dahinter stehenden Personen nachweislich oder vermutet gegen die absurden ideologischen Dogmen des 21. Jahrhunderts verstossen haben – auch wenn sie vor 500, 1000 oder 2000 Jahren lebten.

Die neue Ausgabe der Briefe Tolkiens dürfte diese woke Strategie einer ideologischen Neutralisierung Mittelerdes kaum befördern, denn im Gegensatz zu vorher kursierenden Gerüchten handelt es sich keineswegs um eine um problematische Passagen «gekürzte», sondern vielmehr um eine um zirka 150 Briefe erweiterte Fassung der Korrespondenz des Oxforder Professors; wenn man auch eher von einer Veröffentlichung der eigentlichen «Urfassung» des Briefkorpus sprechen sollte, das 1981 aus Platzgründen erheblich gekürzt werden musste – wobei einige dieser «Restitutionen» es allerdings wirklich in sich haben und die Frage aufwerfen, ob es damals wirklich nur «Platzgründe» waren, die ihren ursprünglichen Ausschluss begründeten. Dabei ist neben unzähligen interessanten Details vor allem auf drei gerade aus heutiger Perspektive recht delikate Themenkreise aufmerksam zu machen: Tolkiens Frauenbild, seine politischen Ansichten und seine persönliche Religiosität.

 

Nische für «reaktionäre Hinterwäldler»

Was Tolkiens Frauenbild betrifft, erinnert man sich wahrscheinlich an den höchst anschaulichen Brief 43, in dem er seinem Sohn Michael gegenüber eine Psychologie der Frau entwarf, die viele Aspekte der heutigen «Mannosphäre» vorwegnimmt, aber gleichzeitig auch wieder transzendiert, da Tolkien sie mit einem katholisch-traditionalistischen Eheverständnis kombiniert und die geschlechtsbedingte Unmöglichkeit eines echten, vollständigen gegenseitigen Verstehens der beiden Ehepartner vielmehr als Antriebskraft des naturgewollten gemeinsamen Wachsens zu Gott hin betrachtet.

Die neue Briefausgabe ergänzt diesen packenden Einblick, der nicht nur das tragische Geschick der Ents, sondern auch die zutiefst triste Romanze «The Mariner’s Wife» biografisch verständlich macht, um einige anekdotische Einblicke in den tolkienschen Haushalt: von Edith Tolkiens Missfallen gegenüber einer potenziellen Schwiegertochter (38a) über ihren Ärger angesichts verpasster Geburtstagswünsche (42a: «Sehr wenige Männer, aber nahezu alle Frauen messen Daten und Geburtstagen grosse Bedeutung zu») bis hin zu Tolkiens Empfehlung an Michael, einer künftigen Frau gegenüber von Anfang an deutlich klarzumachen, dass er sich kleine Freuden nicht verbieten lassen werde (43a):

«Es gibt viele Dinge, die ein Mann als legitim betrachtet, auch wenn sie zu Zank führen. […] – das Glas Bier, die Pfeife, das Nicht-Schreiben von Briefen, der Freund etc. etc.»

Auch die politischen Ansichten Tolkiens werden durch das neue Material schönstens bestätigt und ergänzt. Schon in Brief 53 hatte Tolkien überdeutlich gemacht, wo er sich persönlich verortete:

«Ich frage mich (sollten wir diesen Krieg überleben), ob es noch eine Nische, und sei es eine solche der blossen Tolerierung, für so reaktionäre Hinterwäldler wie mich (und Dich) geben wird. Je grösser die Dinge werden, desto kleiner und öder wird der Globus. […] Wenn sie erst amerikanische Hygiene, Moralismus, Feminismus und Massenproduktion überall im Nahen Osten, Mittleren Osten, Fernen Osten, [in] der UdSSR, dem Äusseren und Inneren Mumboland, Gondwanaland, Lhasa und den Dörfern des

dunkelsten Berkshire eingeführt haben, wie glücklich werden wir dann sein. […] Ich finde diesen Americo-Kosmopolitismus sehr beängstigend. […] Ich bin mir nicht wirklich sicher, ob sein Sieg letzten Endes für die Welt so viel besser sein wird als der Sieg von […].»

In den neuen Briefen kann man den wahren Ursprung von Tolkiens kryptischer Bemerkung im Vorwort zum «Lord of the Rings» lesen, dass der Ring, würde die Geschichte eine Analogie zum Zweiten Weltkrieg darstellen, nicht vernichtet worden wäre, sondern auch die «gute Seite» kontaminiert hätte (91c von 1944):

«Was für eine Welt. In den Begriffen meiner eigenen Welt ist es, als ob Saruman die Macht übernommen, den Ring gestohlen und Mordor unterworfen hätte – und dann ein neuer Herr über eine verbrannte Welt geworden wäre. Aber immer trifft das Unerwartete ein. Zum Glück haben wir immer noch einen König.»

Auch finden wir eine tiefe Besorgnis Tolkiens angesichts des Linksrucks, der nach dem Krieg auch das Oxforder universitäre Establishment und seine «Dons» erfasste (194a):

«Die Götter, heisst es, treiben diejenigen, die sie vernichten wollen, zuerst in den Wahnsinn.

[…] Dons schreien beim festlichen Abendessen Kollegen als ‹Faschist› an, die es wagen, mit milder Stimme anderer Meinung zu sein als sie. Was für eine Fäulnis und was für ein Gestank bleibt von einem Liberalismus übrig, dem die Religion fehlt! […] Wundert es Dich, dass jeder, der kann, diese Insel verlässt? Doch bald wird

es keinen Platz mehr geben, um der steigenden Flut dieser ‹Orquerie› zu entkommen. Trotzdem weiss man nie so recht, was im Kopf eines scheinbaren Orks auf einem Motorrad vor sich geht.»

Was schliesslich Tolkiens tiefen Katholizismus betrifft, der bereits in den früher veröffentlichten Briefen klar zutage trat und von Tolkien selbst ja auch als ultimativer Leseschlüssel seines Werks hervorgehoben wurde, lernt man in den neuen Briefen zunächst von Tolkiens Faszination für den Film «The Song of Bernadette» (1943) und die Marienerscheinung von Lourdes:

«Die Geschichte der Bernadette Soubirous, eines der erstaunlichsten Dinge des ganzen 19. Jahrhunderts, ist sowohl zutiefst bewegend als auch wahr, und daher umso bewegender» (94a), denn die Erzählung habe «jede Eigenschaft eines ‹Märchens›, plus sowohl Wahrheit als auch Heiligkeit, eine überwältigende Mischung» (94b).

 

Liebe zum Rosenkranz

Wie sehr Tolkien seine religiösen Erfahrungen mit seinem Werk verband, zeigt dann auch Brief 148a, in dem es um das Ende des «Lord of the Rings» geht:

«Für mich liegt der ‹Kern› in Frodos letzten Worten an Sam: ‹[…] Wenn Dinge in Gefahr sind, muss jemand sie aufgeben, sie verlieren, damit andere sie behalten können [. . .].› Bernadette weigerte sich, für ihre eigene Heilung nach Lourdes zu gehen. […] Ich denke daran, am Ende, als Sam verloren da-steht, einen leisen Ruf über das Wasser erklingen zu lassen, der an das Ende von Galadriels elbischem Lied erinnert: ‹[…] Lebe wohl, vielleicht wirst auch du Valimar finden.› Aber vielleicht würde das die trostlose Einfachheit zerstören?»

Neben Tolkiens Liebe zum Rosenkranz (242a) lesen wir auch von seiner Sorge um eine Kirche, die in der Modernismus-Krise steckt; Worte, mit denen sich heute wohl mancher Katholik identifizieren wird (194a):

«Wir alle müssen diese Unannehmlichkeiten ertragen, seit die Heilige Mutter Kirche begann, solch ungeeignetes Personal zu beschäftigen. Dennoch ist die Kirche letztlich nur ein Tabernakel (oder eine Monstranz) für das allerheiligste Sakrament, und das durch die Jahrhunderte hindurch, in jedem Zeitalter auf andere Weise, eine äusserst unvollkommene Weise […]. Ich selbst finde, dass nur die Konzentration auf die unveränderliche, unauslöschliche und unumstössliche Heiligkeit der Realpräsenz uns in der Hoffnung und der Liebe aufrechterhält.»

Insgesamt: eine wichtige Ausgabe, die unser Bild von Tolkien als Mensch und Autor auf das schönste bestätigt und vertieft, alle Liebhaber seines Werks aber umso mehr verpflichtet, sich gegen jene unsäglichen Relativierungen, Pervertierungen und Diffamierungen zu stellen, mit denen die Welt von Mittelerde gegenwärtig überzogen wird – ein Vorgang, der angesichts der planetarischen Beliebtheit Tolkiens beileibe keinen Nebenkriegsschauplatz des Kulturkampfs des 21. Jahrhunderts darstellt, sondern vielmehr ein durchaus zentrales Schlachtfeld.