Claudia Graf-Grossmann: «Mich wundert, dass ich so fröhlich bin». Johannes Mario Simmel – die Biografie. Droemer Knaur. 368 S., Fr. 41.90

In seinen Berliner Kindheitserinnerungen «Ich nicht» erzählt Joachim Fest eine Begebenheit, die sein literarisches Empfinden fortan prägen sollte. Während sich im Frühsommer 1939 der nächste Weltkrieg wie ein dräuendes Gewitter ankündigt, besucht der Knabe Joachim an den Samstagen einen jüdischen Freund der Familie, der ihm die Schätze seiner Bibliothek nahebringt. Dr. Meyer ermahnt den Zwölfjährigen, die Bücher und ihre Verfasser nicht allzu ernst zu nehmen. «Alle schöne Literatur sei sozusagen im Zirkus zu Hause und habe eine juxhafte Seite», so überliefert Fest die Worte des Freundes, der eines Tages unauffindbar verschwand und wohl von den Nazis ermordet wurde.

Ähnlich paradox geht es bei Johannes Mario Simmel zu. Der Wiener Simmel, 1924 geboren, ist gut zwei Jahre älter als der Berliner Fest – sie zählen also zur selben Generation. Und ausgerechnet in jenem Feuilleton, das der FAZ-Herausgeber Fest damals leitete, wurde dem bis dahin stets als «Bestseller-Mechaniker» verhöhnten Simmel endlich literarische Anerkennung zuteil. Frank Schirrmacher schrieb 1987 anlässlich des Genforschungs-Thrillers «Doch mit den Clowns kamen die Tränen»: «Man soll Simmel nicht schmähen.» Gewiss, «die ästhetischen Errungenschaften der Kunst unseres Jahrhunderts» seien Simmel gleichgültig, und «selbstverständlich vergisst er nie, an den Verkauf zu denken». Aber: «Er denkt sich aus, was passierte, wenn aus den Tagesmeldungen eine Geschichte würde.» Es war für Simmel der langersehnte Durchbruch bei der deutschen Literaturkritik.

Mehr als siebzig Millionen Mal wurden Simmels Romane weltweit verkauft, in den meisten deutschen Wohnzimmern waren in den Bücherborden der Schrankwände seine Buchrücken zu sehen mit der markanten Pinselschrift auf den Umschlägen. Simmel hat mit seinen Thrillern, die er stets listig als Liebesromane schminkte und penibel wie Reportagen recherchierte, von den 1960er bis in die 1990er Jahre eine Chronik der Nachkriegsepoche geschaffen. Wer wissen will, warum 1967 die Angst vor Neonazis in der Luft lag, erfährt es in «Alle Menschen werden Brüder». Wer auf die Machenschaften des Finanzkapitalismus anno 1973 neugierig ist, liest «Die Antwort kennt nur der Wind». Die Lage der Ökobewegung 1990 entnehmen wir «Im Frühling singt zum letztenmal die Lerche».

 

Akne, Stottern, Alkoholsucht

Zu Simmels 100. Geburtstag am 7. April bringt sein Hausverlag Droemer Knaur eine ausführliche Biografie über ihn heraus. Verfasst hat sie Claudia Graf-Grossmann, hauptberuflich eine Kommunikationsberaterin in der Schweiz, die vor allem über Simmels Kindheit und Jugend erstaunliche Details zutage gefördert hat.

Es ist das Drama eines Knaben, dessen Vater von evangelisch konvertierten Juden abstammt, dessen Mutter evangelisch getauft ist und der somit nach Hitlers Rassenarithmetik als Halbjude gilt. Simmel ist vierzehn, als sich das Deutsche Reich Österreich als Ostmark einverleibt und sein Vater Walter, Geschäftsmann, Jude und Sozialist, nach Grossbritannien flieht. Walter Simmel stirbt dort kurz vor Kriegsende an einem Nierenleiden. Mutter Lisa bleibt mit Tochter Eva und Sohn Jan, wie Simmel gerufen wird, in Wien zurück und schlägt sich als Lektorin der stramm nationalsozialistischen Wien-Film durch. Der junge Simmel reagiert mit Akne, Stottern und später mit Alkoholsucht.

Seine Biografin mutmasst über eine Traumatisierung, die Simmel zeitlebens begleitet hat. War sein lebenslanger Hass auf Nazis nicht allein dem politischen Anstand geschuldet, sondern vor allem einer seelischen Erschütterung in Jugendjahren? Dieses Gefühl von «Überlebensschuld» ist ein Syndrom, das auch bei Menschen beobachtet wurde, die dem Holocaust entkamen. Der Verlust kindlicher Unbeschwertheit, die notorische Gefährdung als Mischling ersten Grades, die Todesangst als steter Begleiter, all das wird Simmel emotional nie wieder verlassen. Diese Grundverfassung dürfte auch der Antrieb für seine obsessive Arbeitswut gewesen sein: Alle zwei, drei Jahre legte er einen neuen Roman von rund 600 Seiten vor.

Aber nicht nur diese biografische Besonderheit macht Johannes Mario Simmel für sein Publikum zum Glücksfall. Er sprach ein anderes Lesermilieu an als etwa der Landserknochen Heinz G. Konsalik, der in jahrzehntelanger Fliessbandarbeit Weltkriegsmärchen für den gehobenen, strukturkonservativen Groschenromankonsumenten ablieferte. Simmels Leser waren eher liberal und sozialdemokratisch gestimmt und aufstiegsorientiert. Deshalb nahm auch keiner Anstoss daran, dass Simmel sich zwar als Sozialist ausgab, aber als millionenschwerer Bestsellerautor ungeniert seiner Vorliebe für Luxushotels frönte und steuersparsam in Monte Carlo residierte. Er verkörperte damit den Traum der klassischen Sozialdemokratie, dass Reichsein nicht davon abhalten sollte, eine gerechtere Welt zu ersehnen.

Zudem war sein Habitus gänzlich unbedrohlich, sein Auftreten eher altmodisch und bürgerlich; mit Krawatte, dicker Hornbrille und Geheimratsecken wirkte er einem Sparkassenfilialleiter ähnlicher als einem Künstler. Er lief eben nicht herum mit einer aufrührerischen Baskenmütze wie Heinrich Böll oder einem finsteren Bolschewiken-Schnauzbart wie Günter Grass. Simmel war schon optisch ein niederschwelliger Volksschriftsteller, zu dem eine Bevölkerungsmehrheit Vertrauen fassen konnte.

So kam es, dass seine Romane für seine Leser zu verlässlichen Lebensbegleitern wurden. Die raffinierte Unterhaltungsdramaturgie war das Lasso dafür, dass das Publikum in den Geschichten seine elementaren Lebensfragen wiederfinden konnte. Nie hätte Simmel so viele Bücher verkauft, wenn er es nicht vermocht hätte, den Rumor einer sprachlosen Nachkriegsgesellschaft zum Klingen zu bringen. Während Simmel in seinen Romanen seine eigenen inneren Drangsale abarbeitete, moderierte er unterschwellig das Tätervolk durch seine psychischen Verwerfungen.

Wie Simmel so etwas gelang, daran haben sich Literaturforscher immer wieder die Zähne ausgebissen. Er kann als einer der am meisten unterschätzten Schriftsteller deutscher Sprache gelten. Um dies zu erläutern, muss ich persönlich werden. In den 1970er Jahren standen im Wohnzimmerregal meiner Eltern zwei Romane von Simmel, wuchtig wie Ziegelsteine: «Und Jimmy ging zum Regenbogen» und «Die Antwort kennt nur der Wind». Ich war wohl zehn Jahre alt, als ich anfing, darin zu blättern – heimlich, die Bücher galten als unkeusche Erwachsenenlektüre.

Besonders der erste Satz des «Wind»-Romans war für mich ein hypnotisches Erlebnis, das bis heute nachzittert: «Also schwang der Junge ein langes Stück Tauende über seinem Kopf, und der alte Mann fing es geschickt auf und zog daran.» Natürlich hatte ich damals keine Ahnung, weshalb mich dieser unspektakuläre Satz so fesselte, aber noch heute staune ich darüber, wie Simmel darauf kam, seinen Roman mit dem Wörtchen «also» zu beginnen. Wie suggestiv ist das denn? Er springt damit mitten hinein ins Geschehen und gibt dem Leser das Gefühl, dieser hätte schon die ersten Seiten hinter sich gebracht. Mag sein, dass solche Kleinigkeiten einen Literaturwissenschaftler kaltlassen, für mich gehören sie zu den Urerfahrungen, dass es möglich ist, den Leser zu packen, zu schütteln und nicht mehr loszulassen.

 

Kokain zum Lesen

Später war ich ein junger Reporter und zuweilen voller Zweifel, ob mein Schreiben etwas taugt. In Simmels «Doch mit den Clowns kamen die Tränen» gibt es einen Prolog, sieben Buchseiten lang, mit einer knappen Reportage aus einer Zirkusvorstellung. Dieser Text war für mich jahrelang wie Kokain zum Lesen. Immer wenn ich in einer Schreibblockade klemmte, las ich diese Zirkusgeschichte, die so beginnt: «Und nun kommen die Clowns.» Zack! Mitten rein. Es jauchzen die Kinder, sofort werden eigene Erinnerungen wach, wie wir Zwerge gekreischt haben vor Vergnügen unter der Zirkuskuppel. «Ach, Leute, Leute, ist das eine Zirkusvorstellung!» Dann schlägt die Seligkeit um in den Horror eines Attentats: Die Clowns holen Maschinenpistolen hervor. Und zum Schluss, wenn der Leser vor seinem inneren Auge nur noch das Blaulicht der Polizeiwagen zucken sieht, löscht Simmel seine Story ab mit der Protokollnotiz: «Wir sind in Hamburg. Es ist 17 Uhr 54, am Montag, dem 25. August 1986.»

Jedes Mal hat mich dieser Zaubertext wieder zum Schreiben beflügelt.

Die magische Kraft steckt im Simmel-Sound; der Tonsetzer stammt eben aus Wien, wo eine leichtfüssig-verspielte Kaffeehausliteratur geblüht hat wie nirgendwo sonst auf der Welt. In seinem Frühwerk «Liebe ist nur ein Wort» gelingt ihm eine jugenddreiste Rock-’n’-Roll-Musikalität, die zuweilen an Salingers «Der Fänger im Roggen» erinnert. In «Lieb Vaterland magst ruhig sein» hetzt uns Simmel durch das Berlin nach dem Mauerbau mit einem intim gezeichneten Lokalkolorit und einem Spree-Jargon, als hätte er nie einen Fuss aus der Metropole gesetzt. Bei allem Wiedererkennungswert konnte Simmel ein Chamäleon sein.

Es mag Menschen geben, die Johannes Mario Simmels mitunter bleiernen Moralismus als schwererträglich empfinden. Aber er war eben auch nur ein gebranntes Kind seiner Zeit. Als Zeitchronist und Geschichtenerzähler war er mit seinem Einfallsreichtum all jenen weit voraus, die meinten, über ihn die Nase rümpfen zu müssen.