Wer ausgerechnet den Wittenbergplatz in Berlin – mit seinen baulichen Kriegsnarben und Nachkriegssünden – für die richtige Station im Besuchsprogramm des britischen Monarchen hält, hätte vor wenigen Jahren sicherlich noch das «Kaufhaus des Westens» gewählt. Den Wochenmarkt gegenüber zu besuchen, wäre jedenfalls für Charles’ Mutter Elizabeth ähnlich absurd gewesen, wie die vier Currywurstbuden auf dem Platz oder das «Chicago Steakhaus» – jener Ort, wo Alois Hitler, Adolfs Halbbruder, in den dreissiger Jahren ein gutbürgerliches Restaurant betrieb.

Im Fall des neuen englischen Königs ist es aber nun einmal so, dass er unheimlich neugierig auf alles ist, was mit den Schlagwörtern «nachhaltig», «regional» und «bio» beschrieben werden kann. Wobei «bio» auf Englisch mit organic übersetzt werden muss, weil das englische bio strenggenommen «lebend» bedeutet. Zugleich berichten englischsprachige Expats in Berlin immer wieder, dass das deutsche «bio» irgendwann abfärbt, wenn man es nur oft genug hört. Und wer weiss – vielleicht trifft diese sprachliche Spitzfindigkeit auch das Interesse des Königs, der einmal mehr bewiesen hat, dass er an seinem Deutsch arbeitet.

Fest steht, dass Karl III., wie Charles III. auf Deutsch gennant wird, bei seiner ersten Auslandsreise als König etwas entdecken wollte, was er für typisch deutsch hält – und was aus seiner Sicht zu den besten Seiten des Landes zählt. Das sind – seitdem es ihm die Grüne Renate Künast irgendwann eingeredet hat – frische Lebensmittel direkt vom Erzeuger.

Nicht dass es davon nicht genug auf den Britischen Inseln gäbe. Doch modische Begriffe wie market town oder sustainable farming haben in Charles’ Heimat stets einen Beigeschmack, der nach Gewinnstreben und Werbemasche klingt. Ein deutscher Biobauernhof scheint unterdessen die Illusion von ehrlicher und harter Arbeit zu wecken: mit dreckigen Händen, selbstgestrickten Socken und glücklichen Tieren.

Auf einem Biobauernmarkt wollte Karl III. die besten Seiten Deutschlands entdecken.

So fiel die Wahl des königlichen Protokolls auf den «Berlin Brandenburger Bauernmarkt» auf dem Wittenbergplatz. Händler wurden vorab von einer Delegation der Botschaft besucht, und eine Gruppe von sechs Ständen wurde ausgewählt, um Seiner Majestät den Mythos vom deutschen Biohonig, Biofleisch, Bioapfel, Biofisch, Biokäse und Biobrot zu erklären.

Wir wurden aufgefordert, den Besuchern unsere Produkte unter die Nase zu halten», erzählt Imker Martin Perschke. «Ich sollte sogar eigene Löffel zum Probieren mitbringen, doch ich habe geantwortet, dass ich keine goldenen Löffel besitze.» Schliesslich brachte Perschke Partyspiesser mit – und machte damit einen grossen Stich: Charles erkundigte sich nicht nur nach den Imkermethoden, sondern wollte gleich mehrere Gläser Honig kaufen und soll schon seinen Portemonnaiediener herbeigewunken haben. «Ich habe abgewunken», sagt Perschke, «die Gläser habe ich ihm geschenkt.» Daraufhin liess Charles ein Geschenk für den Brandenburger hervorholen: «Buckingham Palace Garden Honey». Was folgte, hat Perschke vollends überrascht: «Ich wurde nach England eingeladen!»

Etwas abgebrühter reagierte Carsten Hübner, der mit seinem Obstbaubetrieb regelmässig an der Branchenmesse «Grüne Woche» teilnimmt. «Ich bin den Umgang mit hochrangigen Besuchern gewohnt.» Die Visite aus dem Königreich traf ihn jedoch unvorbereitet. «Charles sprach die ganze Zeit von apple juice, aber ich hatte keinen Saft für ihn.» Die Birnenstücke, die er reichte, hat der Monarch genauso wenig gegessen wie den Brothappen mit Bärlauch, der am nächsten Stand für ihn geschmiert wurde – in der Form einer Krone.

Axel Kaiser ist «Der Bärlauchbauer», ein grösserer Betrieb, der mit Ständen im ganzen Land präsent ist. Für einen echten Königs liess er es sich nicht nehmen, persönlich nach Berlin zu reisen. «Darauf habe ich als Kaiser immer gewartet», sagt er stolz. Die Übersetzung von Bärlauch – ramson (noch besser: wild garlic) – die er am Stand angebracht hatte, tat ihr Übriges. Charles stellte viele Fragen und blieb so lange, dass der Abstecher den gesamten Zeitplan durcheinanderbrachte.

Camilla hat sich auch königlich amüsiert, jedenfalls hat sie viel gelacht. Ob es am Wildfleischhändler lag, der eine Schürze mit der Aufschrift «Richard’s wild» trug, bleibt eine offene Frage. Sollte er damit «Wild» gemeint haben, hätte das auf Englisch game (meat) heissen müssen. So stand auf der Schürze, dass Richard ziemlich wild ist.

Doch auch dieser Patzer passte zum Programm – wenn man bedenkt, wer das Königspaar in die Berliner Wildnis führte: Pannenbürgermeisterin Franziska Giffey!