Thomas Meyer: Hannah Arendt. Die Biografie. Piper. 528 S., Fr. 39.90

Eine nächste Apokalypse gefällig? Könnte ja sein, dass man mit den gegenwärtigen Bedrohungsszenarien nicht ausgelastet ist. Sich mehr bei den Sterbenden zu wähnen als bei den Lebenden, ist heute gross in Mode und muss bedient werden. Mit Hannah Arendt (1906–1975) wäre das nicht zu machen gewesen. In ihrer Philosophie ging es nicht darum, dem Ende zuzustreben, sondern den Neubeginn in den Blick zu nehmen. Und dieser beginnt mit jeder Geburt – Arendt prägte dafür den Begriff «Natalität». Jeder, der auf die Welt kommt, kann die Initiative ergreifen, um etwas entstehen zu lassen, was vorher noch nicht da gewesen ist.

In Paris engagierte sich Arendt um die sechs Jahre lang für die Rettung junger jüdischer Menschen.Man darf also für die Welt hoffen. Auch, weil jemand wie Hannah Arendt möglich gewesen ist. Im Westen gibt es kaum eine Denkerin, die mehr begeistert; ihre Zitate sind auch in den sozialen Netzwerken sehr beliebt, wenngleich mitunter aus dem Zusammenhang gerissen und dadurch verfälscht. Sie ist ebenso aktuell wie nahbar: Fast schon scheint sie, da sie als Mensch unmittelbar den Menschen anspricht, wie eine enge Vertraute. Dass es allerdings noch ausreichend Unerzähltes über Arendt mitzuteilen gibt, zeigt Thomas Meyer mit seiner Biografie über die eigenwillige Intellektuelle, die nicht als Philosophin, sondern als politische Theoretikerin verstanden werden wollte.

 

Vertiefte Sicht

Auf über 500 Seiten breitet der Münchner Philosoph seine Recherchen aus, die wesentlich auf Archivfunden und vernachlässigten Dokumenten beruhen. Damit bekommt die Biografie Arendts erstmals einen durch und durch archivarischen Klang. Zeitzeugenberichte und die üblichen Anekdoten wird man vergeblich suchen, zugleich weitet und vertieft das Unveröffentlichte die Sicht auf Arendt. So gibt ein Fund im Jerusalemer Archiv von etwa 300 bisher unbekannten Dokumenten einen erhellenden Einblick in die Jahre unmittelbar nach Arendts Emigration im August 1933 – sie war 26 Jahre alt, als sie für einige Tage verhaftet wurde und dann illegal aus Deutschland floh.

Sie, selbst Jüdin, hatte den Reichstagsbrand erlebt und die Jagd auf unzählige Juden, die unter anderem in Gestapo-Keller und Konzentrationslager verschleppt wurden. Das hat sie politisiert; seitdem hat sie sich verantwortlich gefühlt. In Paris angekommen, unterbrach sie ihre wissenschaftlichen Arbeiten – sie hatte bei Martin Heidegger und Edmund Husserl studiert und 1928 bei Karl Jaspers promoviert – und engagierte sich um die sechs Jahre lang für die Rettung junger jüdischer Menschen. Über die Organisation Jugend-Alijah wurden Jugendliche aus dem Deutschen Reich, mitunter auch osteuropäischer Herkunft, nach Palästina in Sicherheit gebracht.

Diese sonst nur wenig beleuchtete, aktivistische Seite Arendts bekommt durch Meyer ein Gewicht, das einen entscheidend anderen Verständniszugang zu ihrem Leben und Werk gibt. «Mit dem 1933 einsetzenden Traditions- und Zivilisationsbruch flüchtete sie aus dem Denken ins Handeln», schreibt Meyer und verweist darauf, dass die denkende Arendt immer auch mit der handelnden Arendt zusammengeht. Wie sie selbst schreibt, müsse man «zweimal den vollen Kreis durchlaufen», zuerst würde man aus dem Denken in das Handeln flüchten, dann wieder treibe das Gehandelthaben zurück ins Denken. An anderer Stelle führte sie dazu aus: «Ich glaube nicht, dass es irgendeinen Denkvorgang gibt, der ohne persönliche Erfahrung möglich ist. Alles Denken ist Nachdenken, der Sache nach-denken.»

Meyer gelingt nicht nur, die Perspektive auf Arendt vollständiger zu machen, indem er neben den Pariser Jahren auch ihre Kindheit, Jugend und soziale Herkunft umfassender als üblich betrachtet, auch scheut er sich nicht, sich mit den Widersprüchlichkeiten in ihrem Denken auseinanderzusetzen und sie dadurch mitmenschlich besonders erfahrbar zu machen.

Bedauerlich ist allerdings, dass der Autor kaum herausfindet aus einer Behäbigkeit, die sich auch auf die Sprache niederschlägt. So wichtig das Buch auch ist, insbesondere für Arendt-Kenner, so muss man eine gewisse Beschwerlichkeit auf sich nehmen, da es sich auf weiten Strecken so liest, als hätte sich der Staub der Archive darauf gelegt. Vielleicht würde das gar nicht so auffallen, wäre nicht Hannah Arendt Gegenstand der Betrachtungen; sie wird immer das Gegenteil dessen bleiben, was unbelebt erscheint.