Weltwoche: Herr Kimmig, man hört und liest immer wieder, das traditionelle, sogenannte lineare Fernsehen sei tot. Sie produzieren noch immer in alter Frische. Wie passt das zusammen?

Werner Kimmig: Wir produzieren schon etwas weniger als früher. Doch ich bin der Meinung, dass das lineare Fernsehen gerade eine Wiedergeburt erlebt.

 

Weltwoche: Wie kommen Sie darauf?

Kimmig: Ich sehe die Anzeichen. Ein Beispiel: Im Dezember feierte Hape Kerkeling seinen 60. Geburtstag. Dazu gab es in der ARD einen Hape-Kerkeling-Abend. Also einen Film und eine super anderthalbstündige Doku. Normalerweise sind solche Formate 40 oder 45 Minuten lang. Und dieser Film hatte fünfeinhalb Millionen Zuschauer. Das ist für einen Montagabend sensationell.

 

Weltwoche: Was, denken Sie, sind die Gründe?

Kimmig: Der Anlass muss stimmen, dann funktioniert es. Ein zweites Beispiel: Die letzte «Wetten, dass …?»-Show mit Thomas Gottschalk Ende 2023 in Offenburg hatte zwölf Millionen Zuschauer. Solange es einen Gottschalk gibt, der zwölf Millionen Menschen vor das TV-Gerät bringt, kann das lineare Fernsehen nicht tot sein.

 

Weltwoche: Ihre «Helene-Fischer-Show» an Weihnachten kam allerdings nicht an die Vorjahresquoten heran, wie zu lesen war. Weshalb?

Kimmig: Moment, das ist nicht ganz richtig. Es stimmt, die Sendung hatte in Deutschland während der Ausstrahlung, linear, etwas unter vier Millionen Zuschauer – doch es kamen gleich danach noch 1,5 Millionen über die Mediathek dazu. Wir und der Sender sind also sehr zufrieden!

 

Weltwoche: Sie erwähnen «Wetten, dass …?». Doch die Sendung gibt’s nicht mehr …

Kimmig: «Wetten, dass …?» kommt wieder, darauf wette ich!

 

Weltwoche: Thomas Gottschalk ist in letzter Zeit allerdings ziemlich unter die Räder geraten. Mit seinem Podcast hat er aufgehört. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Kimmig: Er hatte vor der letzten «Wetten, dass …?»-Sendung ja gesagt, er höre auf. Ich denke, selbst Thomas hatte nicht mit einer solch sensationellen Quote gerechnet. Und jetzt traut sich keiner mehr, ihn anzufragen … Ich arbeite ja mit beiden – mit dem ZDF und mit Gottschalk – sehr gut zusammen, und ich werde mit beiden auch noch etwas machen, ganz sicher!

 

Weltwoche: Ist Gottschalk unersetzlich?

Kimmig: Schwierig zu sagen, er ist halt genial. Frank Elstner hat mir mal gesagt, dass Gottschalk ein Geschenk des Himmels gewesen sei. Er hat ja zwei Mal aufgehört mit «Wetten, dass …?». Ohne ihn lief es aber nicht. Die Sendung hat mit Elstner funktioniert und mit Gottschalk, sonst nicht.

 

Weltwoche: Was braucht es, damit eine Sendung erfolgreich ist?

Kimmig: Solange es Anlässe und aktuelle Nachrichten gibt, ist lineares, herkömmliches Fernsehen erfolgreich. Schauen Sie sich die ARD-«Brennpunkte» an. Der «Brennpunkt» Syrien war im letzten Jahr eine der erfolgreichsten Sendungen mit 8,9 Millionen Zuschauern …

 

Weltwoche: Viele junge Zuschauer wandern aber in die sozialen Medien ab. Was sagen Sie dazu?

Kimmig: Ich glaube, wenn die Mediatheken der Fernsehstationen besser werden, kriegen sie auch die Jungen. Dort gibt es enormen Nachholbedarf: Man findet in den Mediatheken im Moment ja nichts!

 

Weltwoche: Der «Tatort» ist auch nach über vierzig Jahren noch erfolgreich, weshalb?

Kimmig: Ich schaue keinen «Tatort», meine Frau jeden. Das hat mit Gewohnheit zu tun. Es ist beruhigend, wenn man weiss, dass jeden Sonntagabend um acht «Tatort» kommt oder immer um dieselbe Zeit die Nachrichten ausgestrahlt werden. Das ist wie das Läuten der Kirchenglocken.

 

Weltwoche: Aber Spitzenquoten wie in den siebziger Jahren, wo manchmal über zwanzig Millionen Leute dieselbe Sendung schauten, gibt es wohl wegen der hohen Konkurrenz trotz der angetönten TV-Renaissance nicht mehr. Oder täuscht das?

Kimmig: Für eine einzelne Sendung wohl nicht. Doch zählt man zusammen, was an einem Abend geschaut wird, kommt man gut und gerne auf fast zwanzig Millionen Zuschauer. Das Fernsehen lebt!

 

Weltwoche: Heute gibt es aber auch deutlich mehr Leute als damals …

Kimmig: Stimmt, die Wiedervereinigung brachte natürlich auch etwas, da hatte ich nichts dagegen. (Lacht) Was sich auch noch verändert hat mit dem Aufkommen des Privatfernsehens in den achtziger Jahren: Man macht nicht mehr unbedingt Fernsehen für alle wie «Wetten, dass …​​?», sondern versucht, Sendungen auf Zielgruppen masszuschneidern.

 

Weltwoche: Wie schätzen Sie Stefan Raab ein? Sein Comeback lässt quotenmässig zu wünschen übrig …

Kimmig: Ich denke nicht, dass Raab schon am Ende ist, der kommt schon noch. Man muss auch immer sehen: Raab war kultig, hatte ein junges Publikum, aber was die Quoten anbelangt, war das nie gigantisch. Heute ist es noch genauso: Es sind nicht die Jungen, die die wirklich hohen Quoten bringen, sondern die Altersgruppe über vierzig. Und Raab ist ja inzwischen auch 58.

 

Weltwoche: Ist es heute anspruchsvoller, eine Fernsehsendung zu konzipieren, als früher?

Kimmig: Es ist nicht schwieriger. Es gab ja damals auch nicht so viele Sendungen, die erfolgreich waren: «Traumschiff», «Schwarzwaldklinik», «Tatort» und bei den Shows «Verstehen Sie Spass?» oder «Wetten, dass …​​​​​?», das war’s dann auch schon. Heute ist es einfach schwieriger geworden, eine Sendung zu verkaufen. Das liegt natürlich auch am Angebot. Die Konkurrenz ist grösser geworden, und die Budgets sind kleiner.

 

Weltwoche: Sprechen wir über Ihre Anfänge. Sie wurden 1948, gleich nach dem verlorenen Krieg, geboren. Was herrschte damals für eine Stimmung, war es so bleiern schwer, wie man es sich vorstellen kann?

Kimmig: Nein, das war anders. Der meiste Schutt war sozusagen schon weggeräumt. Meine Mutter arbeitete, mein Vater ebenfalls. Ich wurde in eine intakte Familie hineingeboren. Ich erinnere mich: 1954, während der Fussball-WM, hatte nur das Elektrogeschäft in unserer Strasse einen Fernsehanschluss. Alle standen auf der Strasse vor dem Fernseher im Schaufenster. Grundsätzlich herrschte Aufbruchstimmung.

 

Weltwoche: Wie kamen Sie zu den Medien?

Kimmig: Ich machte die mittlere Reife, kein Abitur. Bei uns in der Gegend gab es zwei attraktive Arbeitgeber: die Sparkasse oder Burda in Offenburg. Ich machte bei Burda eine Lehre als Verlagskaufmann. Es war die Zeit, als der Zeitschriftenmarkt explodierte, es war eine tolle Zeit. In der Werbeabteilung bei Burda hat’s dann klick gemacht. Ich habe dort gute Vorgesetzte kennengelernt, ich wurde gefördert und konnte 1968 und 1969 bei den Bambi-Verleihungen dabei sein und den auftretenden Künstlern die Gage überreichen. So lernte ich zum Beispiel Tom Jones kennen. Später habe ich dann für Burdas Plattenlabel Werbung gemacht und die Tourneen betreut. Meinen ersten entscheidenden Erfolg hatte ich aber als Wahlkampfleiter.

 

Weltwoche: Erzählen Sie …

Kimmig: 1970 gab es eine Volksabstimmung darüber, ob Baden und Württemberg getrennt werden sollten. Der Burda-Verlag finanzierte mit einem anderen Unternehmen aus der Gegend die Gegenkampagne. In der Burda-Werbeabteilung war ich der einzige Badener, die anderen waren alle aus Hamburg oder sonst woher. Ich wurde also auf diesen Wahlkampf angesetzt. Wir gewannen mit 86 Prozent der Stimmen – und ich wurde anschliessend Werbeleiter von Bunte, das war mein Durchbruch.

 

Weltwoche: Sie lernten also die Burdas schon früh persönlich kennen?

Kimmig: Ja, ich fuhr mit «Senator» Burda (Verlagsgründer Franz Burda, die Red.) während des Wahlkampfs regelmässig im Auto durchs Ländle. Am Abend, als das Ergebnis bekannt war, sassen wir in der Residenz in Karlsruhe. Burda verlangte ein Service-Blöckle sowie einen Kugelschreiber und notierte: Kimmig 5000 Mark. Am nächsten Tag konnte ich das in der Burda-Buchhaltung abholen. Stellen Sie sich vor, ich hatte im Monat netto 550 Mark verdient; und jetzt kriegte ich auf einen Schlag 5000 Mark. Zudem erhielt ich dann sofort eine Gehaltserhöhung. Das war im Jahr 1970.

 

Weltwoche: Was war das Wichtigste, was Sie von «Senator» Burda und seinem Sohn Hubert Burda gelernt haben?

Kimmig: Sie haben die Jungen gefördert, das hat mich als damals 22-Jährigen besonders beeindruckt. Und es ist heute noch ein Familienbetrieb. Das hat für mich später, als ich mich selbständig machte, eine wichtige Rolle gespielt. Ich glaube, dass man in einem Familienbetrieb mehr Achtung vor den Menschen hat, die Mitarbeiter in einem Familienbetrieb sind nicht einfach Nummern.

 

Weltwoche: 1973 machten Sie sich als Künstleragent selbständig. Weshalb?

Kimmig: Weil die Gelegenheit günstig war. Ich hatte über Burda viele Kontakte zu Künstlern und Managern. Ich gründete meine Firma mit meiner Frau Ursula zusammen. Sie übernahm die Buchhaltung, ich den Rest.

 

Weltwoche: Wie kamen Sie zum Fernsehen?

Kimmig: Als Künstleragent betreute ich auch Paola Felix, und so lernte ich Kurt Felix kennen. Ohne ihn und Burda gäbe es meine Produktionsfirma nicht. Ich hatte aber nie einen Vertrag mit Kurt Felix. Und mit Paola, mit der ich bis heute verbunden bin, auch nicht. Alles lief über Handschlag. Auch heute mit Helene Fischer: kein Vertrag, Handschlag.

 

Weltwoche: Weshalb?

Kimmig: Es hat mit gegenseitigem Vertrauen zu tun. Und: Wenn Sie einen klassischen Vertrag machen, haben Sie den Text des Abkommens permanent im Hinterkopf. Das kann hemmend wirken, man kann dadurch nicht gleich befreit und kreativ an die Sache, das Geschäft rangehen. Ich bin auch schon auf die Nase gefallen, aber die besten Deals in meinem Leben habe ich per Handschlag gemacht. Und Kurt Felix habe ich übrigens kennengelernt, als Paola mir ihren neuen Freund – eben Kurt – vorstellte.

 

Weltwoche: Wie ging es weiter?

Kimmig: Als ich Kurt Felix hier in der «Oberen Linde» zum ersten Mal traf, kam er soeben vom SDR (heute SWR, Südwestrundfunk, die Red.) in Stuttgart und sagte mir, dass die Stuttgarter vorhätten, eine Sendung wie seinen «Teleboy» national auszustrahlen, aber die Filme nicht produzieren wollten, weil eine versteckte Kamera rechtlich ziemlich heikel sei. Und ich sagte: ‹Sag mir, was ich machen muss.› Er sagte: ‹Du organisierst die Dreharbeiten und hast die Zahlen im Griff, ich schreibe die Drehbücher, drehe und schneide alles.› So entstand «Verstehen Sie Spass?».

 

Weltwoche: Sie hatten vorher noch nie etwas mit der Filmerei zu tun. Was reizte Sie daran?

Kimmig: Ich sah darin einfach die Chance, einen Schritt weiterzukommen. Nun war ich Produzent. Kurt hat mir die Drehbücher geliefert, zwei Seiten pro Film damals, dann habe ich das organisiert und gerechnet, bin nach Stuttgart gefahren und erhielt den Auftrag für fünf Filme, später machten wir dann Jahresverträge. Unser Team bestand aus Kurt, einem Ton- und einem Kameramann und mir.

 

Weltwoche: Das klassische Fernsehen entstand in den fünfziger Jahren. Als Sie «Verstehen Sie Spass?» Anfang der achtziger Jahre lancierten, herrschte da noch ein gewisser Pioniergeist?

Kimmig: Nein, das Fernsehen war schon sehr etabliert. Die Faszination bestand darin, zwanzig Millionen Leute vor die Kiste zu kriegen. Und das ging, weil es damals ja bloss ARD und ZDF gab, die nie gegeneinander gesendet haben. Sie haben also nicht «Wetten, dass …?» und «Verstehen Sie Spass?» zur selben Zeit ausgestrahlt.

 

Weltwoche: Mitte der achtziger Jahre kam das Privatfernsehen auf. Wie hat es das Geschäft verändert?

Kimmig: Für mich hat sich eigentlich nicht viel verändert, ausser dass ich plötzlich auch für RTL gearbeitet habe, weil sich Burda an RTL beteiligte und die Bambi-Verleihung, die ich produzierte, ab 1990 bei RTL ausgestrahlt wurde.

 

Weltwoche: Was waren in dieser Zeit die grössten Herausforderungen, die Sie als Unternehmer zu bewältigen hatten?

Kimmig: Wir produzierten ja auch den «Goldenen Löwen». Beim zweiten Mal sagte uns RTL, dass wir die Sendung auch inhaltlich gestalten müssten, sonst würden sie den Produzenten wechseln. Ich musste also quasi über Nacht eine ganze Redaktion aufbauen. Daraufhin habe ich eine gesamte Abteilung vom Bayerischen Rundfunk abgeworben. Ich war nun plötzlich auch für die Redaktion verantwortlich, das war anspruchsvoll.

 

Weltwoche: Wenn man eine Grossveranstaltung wie die «Helene-Fischer-Show» produziert, was ist da das Wichtigste, damit die Sendung funktioniert?

Kimmig: Du musst die richtigen Leute hinschicken, die einen guten Job machen. Es geht darum, zu verhindern, dass du irgendeinen Quertreiber im Team hast. An der «Helene-Fischer-Show» arbeiten 500 Leute!

 

Weltwoche: Und was tun Sie ganz konkret während der Aufzeichnung?

Kimmig: Ich stehe hinter der Bühne und sehe jeden Interpreten, der rausgeht, ich bin also immer der Letzte, der die Künstler sieht, bevor sie auftreten. Ich bin auch der Erste, den sie sehen, wenn sie von der Bühne gehen. Auch heute noch.

 

Weltwoche: Sie müssten das ja nicht mehr tun, weshalb machen Sie es trotzdem?

Kimmig: Das gibt den Künstlern ein Gefühl von: Da passt einer auf. Beispielsweise auch bei Beatrice Egli. Wenn sie weiss, dass ich dabei bin, macht sie mit. Ich war es auch, der mit ihr in der Schweiz verhandelte, als es darum ging, die nächste «Beatrice Egli Show» (Ausstrahlung: 19. April, die Red.) zu produzieren. Auch mit ihr besiegle ich die Verträge immer einfach per Handschlag.

 

Weltwoche: Was macht Beatrice Egli besonders?

Kimmig: Bei «Deutschland sucht den Superstar», wo sie gewann, war ich eigentlich nicht so angetan. Als ich aber später einmal ein Konzert von ihr in St. ​​​​​​​Gallen besuchte, war ich von ihrer sympathischen Art begeistert. Sie ist einfach gut!

 

Weltwoche: Gab es eigentlich noch andere Schweizer Formate, die Sie, wie den «Teleboy», importierten?

Kimmig: «Die Landfrauenküche» gibt’s auch im Bayerischen Fernsehen, aber die mache nicht ich. Ich wollte einmal das Konzept des «Schweizer des Jahres» übernehmen. Das wäre dann «Deutscher des Jahres» geworden, doch aus politischen Gründen wurde nichts daraus.

 

Weltwoche: Was heisst das?

Kimmig: Es gab ja verschiedene Unterkategorien: Sportler des Jahres, Politiker des Jahres et cetera. Es ist nicht gelungen, diese verschiedenen Kategorien unter einen Hut zu bringen. Daran scheiterte es.

 

Weltwoche: Was raten Sie heute einer jungen Person, die wie Sie Fernsehproduzent werden möchte?

Kimmig: Denen muss ich nichts raten, die tun das bereits von sich aus: Influencer sind alles kleine Produzenten.

 

Weltwoche: Und was ist das Wichtigste, um in Ihrem Geschäft erfolgreich zu sein?

Kimmig: Kreativität. Wenn dir heute «Wetten, dass …?» einfällt, bist du morgen der Grösste! Und: Morgens früh aufstehen, abends spät ins Bett; arbeiten, arbeiten, arbeiten. Das habe ich auch meinen Kindern gesagt.