Im Februar 1931 veröffentlichte der junge Psychologe Winthrop Niles Kellogg einen Aufsatz in der Zeitschrift Psychological Review mit dem Titel «Humanizing the Ape». Darin behauptete er, die Wissenschaft mache auf dem Gebiet der Tierintelligenz keine Fortschritte, weil die meisten Forscher ihre Versuchstiere eben wie Tiere behandelten. Man schliesse sie im Käfig ein und führe sie an einer Kette oder Leine. Wie könne man von einem Tier Kooperation erwarten, wenn es höchstens zwei Stunden täglich als reiner Versuchsgegenstand unter Menschen lebe? «Das Tier bekommt nie die Chance, menschliches Verhalten zu lernen», warf er seinen Kollegen vor.

Kelloggs besonderes Interesse galt den Menschenaffen. Wie der amerikanische Zoologe Richard Lynch Garner, der 1892 in Gabun einen Schimpansen zu erziehen versucht hatte, gehörte auch Kellogg zu jenen, die den Unterschied zwischen dem Wesen des Affen und dem des Menschen für gering erachteten. Nun stellte er die Frage, wie sich wohl ein Affenkind verhalten würde, wenn es die gleiche Erziehung genösse wie ein Menschenkind, das heisst, wenn man es mit der Flasche füttere, ankleide, es wasche, beschmuse, kurz, es in einer ganz normalen menschlichen Umgebung aufzöge.

Affe auf dem Topf

Am 26. Juni 1931 zog das siebeneinhalb Monate alte Schimpansenweibchen Gua, eine Leihgabe der Anthropoid Experiment Station der Yale-Universität in Orange Park, Florida, zu der Familie Kellogg. Die Kelloggs hatten einen Sohn, Donald, damals zehn Monate alt. Gua und Donald sollten ohne Unterschied als Geschwisterpaar erzogen werden.

Die beiden nahmen ihre Mahlzeiten im Hochstuhl ein, lernten mit dem Löffel umzugehen, badeten, schliefen beide in Schlafanzügen in Kinderbettchen. Nach den damals gültigen Erziehungsmethoden wurden auch beide auf den Topf gesetzt, um Sauberkeit zu lernen. Der Affe meisterte diese Aufgabe allerdings schneller als das Menschenkind. Auch in der Handhabung des Löffels war das Tier geschickter. Gua musste auch Schuhe tragen und lernte, aufrecht zu gehen. Zunächst war dies für den Schimpansen ein wahrer Balanceakt, den er nur mit aufgerichteten Armen bewältigen konnte. Später lief Gua sicher über Gehsteige und Wiesen, die Arme entspannt in die Seiten gestemmt. Allerdings verlernte das Tier durch das Tragen von Schuhen die den Affen eigene Fähigkeit, mit den Füssen zu greifen.

Mit achtzehn Monaten begann Donald, seine Schuhe zu benagen.

Unterdessen führte Kellogg ausführliche Experimente und Messungen durch, um die Fähigkeiten des Kindes und des Affen so objektiv wie möglich zu vergleichen. In vielerlei Hinsicht – vor allem im körperlichen Bereich – machte Gua viel schneller Fortschritte als Donald. Gua sprang und kletterte waghalsig durch die Gegend und wurde zum Vorbild für Donald, der zum Beispiel vom Affen das Klettern lernte. Kellogg stellte fest, dass Donald dank dem Affen anderen Menschenkindern seines Alters im Klettern weit voraus war.

Gua pflegte einen lebhaften Umgang mit den Gegenständen des Kellogg-Hauses. Sie warf die Sofakissen auf den Boden und sprang auf sie. Dann patschte sie mit den Händen. Donald schaute zunächst zu. Dann machte er es ihr nach. In vieler Hinsicht begriff Gua die Welt schneller als Donald. Kellogg befestigte einen Keks an einer Schnur, die von der Wohnzimmerdecke hing. Gua rückte einen Stuhl unter den baumelnden Keks, um hinaufzuklettern und den Preis zu schnappen. Donald kam von allein nicht auf die Idee. Auch andere räumliche Aufgaben löste Gua im Vergleich zu Donald müheloser. Nur in einem Bereich war Donald unschlagbar: im Nachahmen. Nein, nicht der Affe ist der Meister im «Nachäffen», sondern der Mensch.

Mit vierzehn Monaten lernte der nachäffende Donald von Gua eine Art Bellen, um Hunger kundzutun. Immer häufiger krabbelte er auf allen vieren durch die Gegend, machte Gebrauch von seinem Mund, um Gegenstände zu tragen, und leckte Essensreste vom Boden. Mit achtzehn Monaten begann Donald, seine Schuhe zu benagen. Der Mensch war dabei, peu à peu zu vertieren. Allmählich setzte die Sprachentwicklung bei ihm aus. Mit neunzehn Monaten konnte er gerade mal sechs Worte sagen. Normal für dieses Alter sind etwa fünfzig. Dafür verfügte er allerdings über eine Reihe von Grunz-, Schrei- und Bell-Lauten, die er von Gua übernommen hatte. Dem Wissenschaftler Kellogg war nicht entgangen, was für eine Rolle die Nachahmungsfähigkeit im Überleben von wilden Kindern spielte.

Geschichte ohne Happy End

Nach neun Monaten brach Kellogg sein kühnes Experiment ab. Er teilt dem Leser keinen ausschlaggebenden Grund für diese Entscheidung mit. Man kann sich aber vorstellen, dass er sich Sorgen um seinen Sohn machte, der auf dem besten Weg war, Tarzan zu werden. Immerhin versicherte Kellogg, dass Gua schonend auf die Rückkehr zu ihren Artgenossen – unter anderem ihrer leiblichen Mutter – vorbereitet wurde.

Aus dem Experiment geht hervor, dass, anders als der Psychologe es erwartete, nicht das Tier zum Menschen, sondern der Mensch zum Tier wurde. Fakt ist, das lebensfrohe Äffchen Gua hätte auch nach zwanzig Jahren bei den Kelloggs keinen Bericht für eine Akademie vortragen können. Was Donald betrifft: Sicherlich wäre er mit der Zeit zunehmend in die Gesellschaft von anderen Menschenkindern gekommen, was seiner Verwandlung in einen Affen Einhalt geboten hätte. Immerhin hat man dank diesem Experiment einen konkreten Hinweis darauf, dass die Vorstellung von einem Wolfskind vielleicht doch nicht so abwegig ist.

Die Psychologin Judith Harris berichtete verschmitzt, dass Donald Kellogg später sehr wohl die Menschensprache beherrschen lernte und dass er schliesslich zum Doktor der Medizin an der Harvard Medical School promovierte. Die Geschichte geht dennoch ohne Happy End aus. Von Jeff Kellogg, Sohn von Donald, erfuhr ich 2005, dass Donald Kellogg, ein erfolgreicher Psychiater, jahrelang an einer schweren Depression litt und sich im Januar 1973 das Leben nahm. Sohn Jeff führte den Selbstmord seines Vaters auf die Kälte des experimentierfreudigen Grossvaters Winthrop Kellogg zurück. Auch das Schicksal des Schimpansenmädchens Gua ist bekannt: Der Affe kehrte nach Abbruch des Experiments ins Gehege zurück und verendete nach wenigen Monaten.

P. J. Blumenthal ist ein amerikanischer Altphilologe, Schriftsteller und Übersetzer, der seit Jahrzehnten in München lebt. Er hat vielfach über sogenannte Wolfskinder publiziert und ist Autor des Standardwerks «Kaspar Hausers Geschwister. Auf der Suche nach dem wilden Menschen» (Franz Steiner Verlag, 2018).