Robert Gallmann, Yoshifumi Miyazaki: Waldbaden. Wanderungen zu Kraftorten im Kanton Bern. Weber. 240 S., Fr. 49.90

Wer ab und zu einen Waldspaziergang macht, merkt, dass er irgendwie erfrischt heimkommt. Warum das so ist und dass dies nicht bloss der Bewegung geschuldet ist, erfahren wir im Buch «Waldbaden» von Robert Gallmann und dem emeritierten japanischen Professor Yoshifumi Miyazaki. Letzterer hat zahlreiche Studien über «Shinrin-yoku» (baden im Wald) verfasst.

Schon nach fünfzehn Minuten im Wald war deutlich weniger Cortisol messbar.

Japan wuchs in den siebziger und achtziger Jahren rasant, es galt als Wirtschaftswunderland. Gleichzeitig wurden die Menschen gestresster, Zivilisationskrankheiten wie Allergien, Diabetes, Bluthochdruck und Herzinfarkte nahmen zu. Die Gesundheitsbehörden propagierten – weise und schlau – das Spazieren im Wald. Das ist gratis, und Wälder gibt es in Japan genug. Waldbaden wurde als präventive Therapie anerkannt. Professor Miyazaki lieferte den wissenschaftlichen Unterbau, und siehe da: Bei den Probanden, die im Wald spazierten, sank nach kurzer Zeit der Puls, die Hirnaktivität entspannte sich, der Blutdruck regulierte sich, und im Speichel liess sich weniger Cortisol nachweisen. Cortisol ist ein Stresshormon, das, wenn es länger erhöht auftritt, das Immunsystem schwächt. Schon nach fünfzehn Minuten im Wald war deutlich weniger Cortisol messbar. Das Entspannungsniveau der Studienteilnehmer war um 56 Prozent höher als jenes der Probanden, die zum Vergleich irgendwo in der Stadt sassen.

Vom Gurnigel zur Schüpfenflue

Interessant ist auch, dass der uninformierte Waldgänger ja den vagen Eindruck hat, die Waldluft tue ihm gut. Tatsächlich hilft sie dem Körper, sich gegen Krebs zu wehren. Wie das? Die Bäume sondern sogenannte Phytonzide ab, um sich gegen Fressfeinde zu wehren. Das menschliche Immunsystem reagiert auf diese Stoffe, indem es T-Killerzellen bildet. Diese machen Jagd auf Krebszellen. Nach drei Stunden im Wald an drei aufeinanderfolgenden Tagen hatten die Probanden 50 Prozent mehr T-Killerzellen.

Das tönt jetzt alles sehr wissenschaftlich, doch keine Angst: Es ist bloss der kurze erste Teil des Buches. Dieses ist dank Grossformat und wunderschönen, atmosphärischen Fotos bestens für den Salontisch geeignet. Eingestreute Haikus – japanische Kürzestgedichte – und weise Worte von Konfuzius bis Kafka verleihen dem Werk darüber hinaus etwas Poetisches. Und dann ist da ja noch der Hauptteil: 33 Wanderungen durch wahnsinnig fotogene Wälder zu mystischen Kraftorten.

Warum diese allerdings alle im Kanton Bern liegen, erschliesst sich der Leserin nicht. Nichts gegen den schönen Kanton, und natürlich nimmt man sich vor, bald einmal vom Gurnigel zur Schüpfenflue zu wandern oder entlang der wilden Sense zum Kraftort Riedburg. Auch die Wälder im Emmental um die Ruine Wartenstein sind schön. Aber gerne würde man auch Wandervorschläge aus anderen Landesteilen erhalten. Und Zeitangaben wären nützlich. Doch insgesamt macht dieser kuriose Wissenschafts-Poesie-Wanderführer-Hybrid Freude.