Adieu Cannes – 77. Geburtstag. Die Privatjets Hollywoods sind wieder in LAX gelandet. Wenn die Oscars Weihnachten sind, dann ist Cannes Ostern. Man feiert.

Die Goldene Palme ging an eine überraschende Sex-/Krimikömödie, die Anti-«Pretty Woman»-Satire «Anora» von Sean Baker, 53. Story: New Yorker Stripperin angelt sich Oligarchensohn. Ein Flucht-Movie mit Mikey Madison, 25 («Once Upon a Time in Hollywood»).

Er bekam sie von Hollywood-Ikone George Lucas, 80, der für sein Lebenswerk geehrt wurde: «Ich bin nur ein Kind, das in einem Weinberg in Kalifornien aufwuchs und in San Francisco Filme machte. Tatsächlich habe ich als Regisseur nie einen Film in Hollywood gemacht. Es ist sicher eine andere Welt jetzt.»

Man spürte zwei Welten, zwei Generationen. Mister «Star Wars» bekam seine «Lebens-Palme» von Ur-Freund und Regiegenie Francis Ford Coppola, 85 («The Godfather»), der leider nichts gewann für seine selbstfinanzierte New-York-Fantasie «Megalopolis» (120-Millionen-Kredit auf sein Weinimperium). Es war ein wenig ein melancholisches Goodbye der beiden Hollywood-Könige. Coppola bekam vor 45 (!) Jahren die Palme für sein Vietnamepos «Apocalypse Now». Er ruht in sich und seiner Welt: «Geld hat mich nie interessiert. Es gibt so viele Menschen, die sterben und sagen: Oh, ich wünschte, ich hätte das gemacht! Aber wenn ich sterbe, werde ich sagen: Ich habe alles gemacht, und ich sah meine Tochter einen Oscar gewinnen, und ich habe Wein gemacht und ich machte jeden Film, den ich je machen wollte. Ich bin so beschäftigt mit allen Dingen, die ich mache, dass, wenn ich sterbe, ich es gar nicht merken werde.» Ein Unsterblicher, der übrigens schon am nächsten Film schreibt.

Cannes ist ein Fest des Films. Der Rosé floss, aber das Insider-Schloss «Hôtel du Cap-Eden-Roc» war nicht (!) ausgebucht. Die neue Prinzessin Hollywoods, Greta Gerwig, 40 («Barbie»), war Jurychefin, Kult-Cowboy Kevin Costner, 68, («Der mit dem Wolf tanzt») wagte eine Western-Trilogie, «Horizon: Eine amerikanische Saga», und Action-Altmeister George Miller , 79 («Mad Max»), faszinierte wieder mit «Furiosa»; mit dabei: Anya Taylor-Joy, 28 («Das Damengambit») und Chris Hemsworth, 40 («Thor»).

«Wenn ich sterbe, werde ich sagen: Ich habe alles gemacht, und ich sah meine Tochter einen Oscar gewinnen.»

Das Kino lebt. Aber Hollywood schwächelt.

Es ist der Produktionskater nach den Streiks und Corona. Die amerikanischen Kinos sind um 20 Prozent leerer als letztes Jahr – und 50 Prozent als im Vor-Pandemie-Jahr 2019. Ein Studioboss: «Wir wussten, es würde schlimm – aber nicht so schlimm.» Netflix & Co sind das bequeme, günstige neue Kino zu Hause.

Wir erleben eine Zeitenwende in Hollywood.

Man empfand es bei den Oscars, als die Kinolegende Steven Spielberg (77) den «Oppenheimer»-Oscar an den neuen britischen Prinz von Hollywood übergab: Christopher Nolan (53). Der hat privat kein Handy und kein E-Mail und schrieb sein «Oppenheimer»-Drehbuch auf einem Computer ohne Internet – und auf rotem Papier, damit man es nicht kopieren konnte. Man spürte ein seelisches Seufzen. Regie-Ikone Martin Scorsese, 81, klatschte stehend in die Zukunft der anderen.

Die Big Story in Hollywood ist der mögliche Verkauf von Paramount («Top Gun», «Titanic», 14 Milliarden Schulden). Das bröckelnde Imperium von Viacom-Mogul Sumner Redstone (1923–2020) will Erbin Shari Redstone, 70, an Oracle-Milliardenerbe David Ellison, 41 («Mission Impossible»), verkaufen – aber auch Sony bietet 25 Milliarden. Es geht immer um Geld. Folge dem Geld.

2025 wird das gigantische Raumschiff-«Museum of Narrative Art» in Los Angeles eröffnet werden. Ein «Star Wars»-Denkmal – für zwei Milliarden, gespendet von good old George Lucas. Ich traf ihn einmal in New York im «St. Regis»-Hotel, als er sein Filmreich an Disney verkauft hatte – für vier Milliarden. An seinem rechten Arm sah man die blassen Umrisse seiner abgelegten Uhr: «Ich trug immer eine Swatch. Aber eine Uhr brauche ich jetzt nicht mehr. Ich bin frei.»

Coppola traf ich einmal in Berlin im Society-Treff «Borchardt». Er kam an unseren Tisch und stellte seine halbgetrunkene Rotweinflasche auf den Tisch: «Das ist für Sie! Er ist zu gut, um ihn stehenzulassen. Und ich trinke nicht mehr so viel wie früher. Prosit!»

Das sind ganz grosse Menschen.