Penzance

Meine erste Entdeckung mache ich in London, Paddington Station, Gleis 2: Der Schriftzug GWR auf dem moosgrünen Zug ist eine Verneigung vor der Eisenbahnästhetik des 19. Jahrhunderts, des Stahls und Drangs der viktorianischen Zeit.

Ihr berühmtester Vertreter war Isambard Kingdom Brunel, manche nennen ihn den Gustave Eiffel Englands. Brunel gründete Bahngesellschaften, baute Schienennetze, konstruierte Züge und Brücken. Eine davon ist als Eingangstor zu Cornwall bekannt: die Tamar Bridge in Plymouth. Sie führt über den Fluss Tamar, der die Grafschaft Cornwall vom restlichen England trennt wie ein Reissverschluss.

Nach gut drei Stunden überfährt der grüne Zug die Brücke. Ich passiere, was die Bewohner Cornwalls auch die «jam first»-Grenze nennen. Im Unterschied zu den anderen Briten schmieren sie zuerst Marmelade auf ihre Scones und dann erst die clotted cream. Ganz einfach, um am Ende mehr Streichrahm zu haben, nicht Marmelade.

Die hügeligen Wiesenlandschaften und die felsigen Küstenabschnitte, die in der Grafschaft Devon an mir vorbeigezogen sind, waren eine Einstimmung auf das, was mich in Cornwall erwartet. Trotzdem fehlte mir jede Vorstellung von der üppigen Natur. Kilometerlange Tunnel aus Bäumen, Hecken und meterhohen vertikalen Gärten, exotische Blumen, nicht zuletzt auf den subtropischen Scilly-Inseln im Atlantik. Ich werde mich daran erinnern müssen, dass ich nicht auf Barbados oder in Südafrika bin.

Ich werde mich daran erinnern müssen, dass ich nicht auf Barbados oder in Südafrika bin.Die Endstation des Zugs heisst Penzance – ein Name, der klingt, als sei man in Italien. Dabei ist Penzance das südwestlichste Städtchen Grossbritanniens. Wohlgemerkt, nicht «Englands». Das wäre so falsch, wie von einer «Stadt» zu sprechen. Schliesslich sind es die 145 Scilly-Inseln – fünf davon bewohnt –, die den südwestlichsten Punkt von England bilden. Und was die «Stadt» betrifft: Cornwall hat nur eine einzige, nämlich Truro – ein Hauptstädtchen.

Charles’ Fantasie

Penzance bedeutet «heiliger Kopf» und kommt von «Penn-sans», was Kornisch ist. Oder Kernewek, wie die Einheimischen ihre Sprache nennen. Das Kornische ist dem Walisischen und dem Bretonischen ähnlich und wird noch von ein paar tausend Menschen gesprochen. Nachdem Jahrzehnte über die «Anglisierung» von «Kernow» (Kornisch für Cornwall) geklagt wurde, als wäre man in Frankreich, sind nun die Ambitionen gross: Jedes Kind soll die Minderheitensprache lernen. Damit sie von allen verstanden wird, hat die Initiative einen englischen Namen: «Go Cornish».

Den Anfang machen die Schilder an öffentlichen Orten. Etwa am Bahnhof in Penzance: «Stevel-wortos ha Koffili» bedeutet «Warteraum und Café». «Tokynva» ist der «Fahrkartenschalter». Warnschilder sind hingegen einsprachig englisch. Wie «Caution! Door opens outward!» Man will niemanden mit zu viel Kernewek vor den Kopf stossen.

Noch grösser ist das Bekenntnis in Nansledan. Der Ort entstammt der Fantasie des heutigen Königs Charles III. – und seinen architektonischen Grundsätzen, die er 1989 im Buch «A Vision of Britain» dargelegt hat. Am Reissbrett entworfen, entsteht Nansledan seit 2013 als Vorort des Küstenstädtchens Newquay und zugleich als neoklassizistische bis neomoderne Privatsiedlung – ohne eine gated community zu sein. Hunde muss man an der Leine führen, Kinderspielzeug darf man nicht herumliegen lassen, und als Bewohner hat man – wie sonst kaum irgendwo in Grossbritannien – Müll zu trennen. Nach der Fertigstellung in drei Jahren sollen in Nansledan 8000 Menschen wohnen und möglichst viele Fledermäuse hängen. Die Strassenschilder auf Cornish sind schon da.

Bauen konnte Charles auf die Vorrechte als Thronfolger, der stets – sofern Mann! – Herzog von Cornwall ist. Das Duchy of Cornwall, das mittlerweile an Prinz William übergegangen ist, diente dem König mehr als sechzig Jahre als persönlicher Besitz. Es umfasst nicht nur einen hübschen Titel, sondern auch viel hübsches Land. Laut Geschäftsbericht sind es gegenwärtig 541 Quadratkilometer – mehr als der Kanton Basel-Landschaft und 0,2 Prozent der Fläche des Königreichs.

Obwohl das Herzogtum ausserhalb von Cornwall am grössten ist (den meisten Grund und Boden hat es in Devon und nicht wenig in London), kann man gerade im Stammland etwas Bemerkenswertes beobachten: Die Koexistenz des im britischen Staatsgebilde «Grafschaft» genannten Cornwall und des dynastischen, 1337 gegründeten Privat-Herzogtums Cornwall schafft einen einmaligen Wettbewerb. Dass er auch eine Rivalität ist, spiegelt sich allein in den kontroversen Debatten über die Privilegien des Herzogs, der weder Einkommenssteuer zahlen noch Pächtern ein Vorkaufsrecht einräumen muss – wie sonst jedermann.

Trotzdem hat das bizarre Nebeneinander des Staats und des künftigen Staatsoberhaupts positive Effekte. Während Überschüsse aus dem Herzogtum ausschliesslich dem Privatvermögen des Herzogs zufliessen – im vergangenen Jahr waren es rund 27 Millionen Franken –, scheinen seine Manager Land und Leute nicht auszusaugen. Ich habe mehrere Farmen besucht, die das Duchy verpachtet, in Ferienwohnungen gewohnt, die das Duchy vermietet, ich war in Geschäften, die das Duchy betreibt: Niemand schimpfte. Im Gegenteil, alle Gesprächspartner äusserten sich zufrieden: über Bezahlung, Behandlung, Weiterbildungsmöglichkeiten und über das Betriebsklima. Wer die Verhältnisse im restlichen Königreich kennt, weiss, dass das alles keine Selbstverständlichkeit ist.

Die Menschen in Cornwall scheinen vor allem geplagt von der ungewohnten Trockenheit und von ihren Sonnenbränden. Probleme, die auch kein Herzog beseitigen kann.

Gefährliche Untiefen

Meine Anreise im Zug habe ich noch mehrere Male unterbrochen. Zunächst in St Germans – schon weil die Durchsage wie «Ze Germans» klang. Die grosse Abteikirche und einen Teil des mehr als tausend Jahre alten Anwesens des Earl of St Germans hat das Duchy vor wenigen Jahren gekauft. Es sei eine persönliche Entscheidung von Charles gewesen, heisst es. Der Ort profitiert sichtbar davon.

Von Penzance aus gelange ich mit dem Schiff auf die Scilly-Inseln. Die Überfahrt begleiten Delfine.Einige Stationen weiter besuchte ich Lostwithiel, wo sich im Mittelalter das Zentrum Cornwalls befand und der Herzog residierte. Mitten im Ort steht noch der Palast aus jener Zeit, in dem heute Antiquitäten verkauft werden. Auf dem höchsten Hügel liegt die Burgruine, die der erste Herzog und spätere Prinz von Wales erbauen liess. Sie ist Teil des traditionellen Restormel Estate, eines parkähnlichen Anwesens, durch das der grüne Zug fährt und das übersät ist von herrschaftlichen Häusern und Höfen. Die meisten vermietet das Duchy als holiday cottages, darunter auch Restormel Manor, wo sich die königliche Familie gelegentlich aufhält.

Von Penzance aus gelange ich schliesslich mit dem Schiff auf die Scilly-Inseln. Die Überfahrt begleiten Delfine. Der Hafen der Hauptinsel St Mary’s wird nicht vom britischen Staat, sondern vom Duchy verwaltet. Dem Herzogtum gehört der gesamte Archipel, der zur Römerzeit noch eine grosse Insel gewesen sein könnte. Mehr als 3000 Schiffe sind seitdem an den gefährlichen Untiefen gescheitert. Wracktaucher haben daran ihre Freude.

Auch mich hätte es beinahe erwischt. Ich spürte die Lust, mich den seichten Verhältnissen zu ergeben, die das Duchy geschaffen und mehr noch bewahrt hat. In einem Paradies, dessen Sandstrände und türkise Gewässer zu kalt sind für den Massentourismus. Für mich waren sie perfekt.