Ljuba Manz ist eine zierliche Erscheinung. Doch wenn sie in die Empfangshalle des Hotels «St. Gotthard» tritt, füllt sie den Raum ganz allein: strahlende Augen, perfektes Make-up, silbergraue Locken, rote Lippen, funkelnde Edelsteine: «Schmuck kann eine Frau nie genug haben. Er ist eine Rückversicherung», sagt sie.

Eine Rückversicherung hat die 84-jährige Unternehmerin eigentlich nicht mehr nötig. Ljuba Manz gehört zu den vermögendsten und einflussreichsten Hotelbesitzern der Schweiz. Zu ihrem Imperium zählen neben dem «St. Gotthard» an der Zürcher Bahnhofstrasse das «Euler», das «Metropol», das «City Inn» und das «b_smart-Motel» in Basel, das «Continental» in Lausanne und das «Ritz-Carlton Hotel de la Paix» in Genf. Sie meint heute: «Ich glaube an das Gute und an den Schöpfer – und dass jeder Mensch eine Bestimmung hat. Meine Bestimmung ist es, die Dynastie Manz weiterzuführen.»

Ljuba Manz, 1940 im damaligen sowjetischen Charkow geboren, geht ihrer Bestimmung mit der Extravertiertheit und dem Charme nach, der ihr in die Wiege gelegt wurde. Immer wieder unterbricht sie ihre Erzählungen mit einem herzlichen Lachen. Ihr Vater stammte aus Österreich, ihr Temperament ist russisch. Die Wirren des Zweiten Weltkriegs trieben sie zunächst ins heutige Usbekistan, dann nach Moskau und schliesslich nach Wien. «Lieber Herrgott, ich möchte so gerne ein eigenes Bettchen haben», betete die kleine Ljuba damals. Ihr Wunsch sollte in Erfüllung gehen: «Die Zarin von Zürich» titelte die NZZ am Sonntag vor Jahresfrist. Roger Schawinski stellte Manz in seiner Talkshow als «berühmteste Russin der Schweiz» vor. Freunde und Wegbegleiter nennen sie «Grande Dame» und «eine der letzten grossen Gastgeberinnen».

 

Kampf um Anerkennung

Dabei war ihr Erfolg anfänglich nicht absehbar. Ljuba Manz trat ohne Vorschuss zum Kampf um Anerkennung, Prestige und Macht an. Doch sie setzte sich mit Haut und Haar für ihr Glück ein. In die Schweiz kam sie mit einem Artistinnenvisum als Cabaret-Tänzerin. «Ich hatte 200 Franken in der Tasche; 100 Franken brachte ich auf die Bankgesellschaft und sagte dem Schalterbeamten: ‹Das ist der Grundstein zu meiner ersten Million.›» Es sollten keine leeren Worte bleiben. Dass ihr erster Job in der Schweiz etwas Anrüchiges hatte, relativiert sie: «Ich war eine Künstlerin wie im Zirkus», sagt sie und nennt ihre Beschäftigung lachend «Tingeltangel». Dann wird sie ernst: «Als Tänzerin ist man kein Teil der Gesellschaft.»

Ljuba Manz aber wurde ein Teil der Gesellschaft – weil sich die Gesellschaft ihr nicht entziehen konnte. Ein Gast im Basler «Cabaret Singer» animierte sie dazu, die Neue Sprach- und Handelsschule zu besuchen. Manz erkannte darin ihre grosse Chance. Doch der Schuldirektor lief rot an, als sich die neue Schülerin in die Klasse setzte. Er war ein fleissiger Cabaret-Besucher: «Der arme Professor hätte beinahe einen Herzinfarkt erlitten», erzählt Manz. Sie lacht laut.

Es war aber nicht das frivole Abendvergnügen, das Manz den Weg zu ihrer erstaunlichen Karriere ebnete – sondern der Handel mit Fischen und Krustentieren. An der Basler Gerbergasse wurde sie damals auf ein kleines schmuckes Verkaufshäuschen aufmerksam, in dem drei italienische Schwestern Hühner und Eier verkauften. Doch die Rechnung ging nicht auf. 100 000 Franken Verlust standen Jahr für Jahr in den Büchern.

Die Coop-Kette übernahm den Laden und wollte das Sortiment um Fische erweitern. Es war ein Fall für die junge Ljuba. Die soeben diplomierte Handelskauffrau hatte zwar keine Ahnung vom Fischhandel, doch sie brachte andere Qualitäten mit: «Ich hatte Mut und Willen und ein klares Ziel. Ich sagte den Chefs: ‹In einem Jahr mache ich eine Million Franken Umsatz und Gewinn.›» Manz kannte schon damals ihren Wert – und stellte klare Bedingungen: «Ich wollte den Titel der Geschäftsführerin, eine 10-Prozent-Beteiligung in Aktien sowie die Einzelunterschrift.» Die Quereinsteigerin begriff schnell, dass sich gute Geschäfte nur mit Massenauslieferungen an Restaurants, Hotels, Spitäler und Grosskantinen machen liessen. Woher sie Mut und Selbstvertrauen für diesen Schritt nahm, kann sie heute nicht mehr genau sagen: «Ich hatte nie Zeit, über mich selber nachzudenken.»

 

Quereinsteigerin

Ljuba Manz lehnt sich in ihrem Sessel zurück und schlägt die Beine übereinander. Sie tritt auch im reifen Alter noch mit der Exaltiertheit und der Koketterie einer jungen Frau auf – und ist sich ihrer Ausstrahlung bewusst. Dies war schon so, als sie 1973 den ersten Geschäftstermin mit Caspar E. Manz, dem Besitzer des Hotels «St. Gotthard», vereinbarte. Sie wollte seine legendäre «Hummerbar» beliefern. Ljuba Manz erinnert sich, als sei es gestern gewesen: «Wir trafen uns am Freitag, den 13. Juli, um 13.00 Uhr in Zürich. Da konnte eigentlich nur alles schiefgehen.» Doch es ging gut – sehr gut sogar. Die junge Fischverkäuferin fädelte den Deal ihres Lebens ein und fand gleichzeitig ihren Traummann.

Jetzt lächelt Ljuba Manz und schaut auf die Uhr. Der nächste Termin wartet. Noch immer beherrscht sie das Spiel mit Öffentlichkeit und Medien wie nur wenige. Als sie 2014 den über dreissig Jahre jüngeren Mathematiker Marco Conte heiratete, tuschelte die Zürcher Gesellschaft leicht verlegen und irritiert. Doch spätestens, wenn Ljuba Manz im «St. Gotthard» jeweils am 13. Januar zu ihrer legendären russischen Silvesterparty lädt, kommen sie alle: die Schönen, Reichen und Mächtigen. Und sie werden sich einmal mehr vergewissern: Dort, wo Ljuba Manz ist, schlägt der Puls des Lebens besonders stark.