Sarah Jollien-Fardel: Lieblingstochter. Aufbau. 221 S., Fr. 33.90

Irgendwo ist gerade irgendwer auf der Suche nach dem leiblichen Vater. Was verändert es, ihm eines Tages zu begegnen? Und was, wenn man, so sehr man ihn auch finden will, niemals aufeinandertrifft? Sollte man das bedauern? «Nicht wissen, wen man zum Vater hat, ist ein Mittel gegen die Furcht, ihm ähnlich zu sein», sagte einst der französische Schriftsteller André Gide. Vielleicht ein Trost.

Jeanne hatte diese Möglichkeit nicht. Sie kannte ihren Vater, sie entkam ihm nicht; und auch nicht dem Prozess, jemand zu werden, der ihm gefährlich nahekommt. «Ich verkörpere die abscheuliche Bestialität meines Vaters», stellt sie eines Tages fest. Und was sie spürt, ist: Selbsthass.

Das Ausgeliefertsein ist die Erfahrung, die Jeanne wesentlich prägt.Jeanne ist die Ich-Erzählerin in Sarah Jollien-Fardels Debütroman «Lieblingstochter», der in Frankreich im August 2022 unter dem Titel «Sa préférée» veröffentlicht wurde und schnell Erfolg um Erfolg brachte. Das zutiefst aufwühlende und literarisch gelungene Werk über ein Mädchen, das in einem Mikrokosmos der Brutalität aufwächst, wurde unter anderem mit dem Prix du Roman Fnac und dem Choix Goncourt de la Suisse 2022 ausgezeichnet.

Ohne Robert Seethaler wäre es vielleicht nie so weit gekommen. Jollien-Fardel schrieb ihre Geschichte im Jahr 2017 fertig, Verlage bekundeten Interesse, doch es war wie verhext, zu einer Veröffentlichung kam es nie. Erst nach einem Abendessen mit Robert Seethaler und dessen Verlegerin in Paris nahm die Sache Fahrt auf. Einer dieser Zufälle, die das Leben schreibt: Eigentlich wollte die Schweizer Journalistin den österreichischen Schriftsteller nur interviewen.

Permanente Bedrohung

Ein abgelegenes Bergdorf im Wallis in den 1970er Jahren. Ein Familienvater schlägt seine Frau und seine Töchter, Gewalt folgt auf Gewalt, niemand schreitet ein. Die Bewohner wissen sehr wohl davon, aber sie sind sich einig darin, zu verdrängen. «Unsere Misshandlungen weder sehen noch mit anschauen, sie unsichtbar machen, als würden sie so inexistent. Der Doktor war nicht der einzige Feigling im Dorf», erzählt Jeanne, die darüber ebenso verzweifelt wie wütend ist – eine Wut, die sich immer tiefer in sie hineinfrisst.

Wie leben, wenn von niemandem Rettung zu erwarten ist? Nicht mal von der eigenen Mutter, die, wie Jeanne ihr später vorwerfen wird, allen diese Familienhölle zumutet, die keinen Ausweg sucht, für niemanden.

Das Ausgeliefertsein ist die Erfahrung, die Jeanne wesentlich prägt. Und natürlich hilft es nicht, dass sie weniger abbekommt als die Mutter, die ebenso vergewaltigt wird wie die Schwester. Jeanne gehört dazu; das Unausweichliche in einer jeden Familie ist, dass jeder mit jedem verbunden ist.

Hier sind alle Teil einer permanenten Bedrohung, die sich entladen muss, alle wirken mit in einem «bis zum Erbrechen durchgespielten Drehbuch, in dem jeder in die ihm zugewiesene Rolle schlüpfte». Es gibt keine Vorwarnungen, immer geschieht es plötzlich. Eben noch sitzt die Familie beim Abendbrot, dann liegt die Mutter zusammengerollt am Boden. Auslöser kann eine zu grob geschnittene Zwiebel sein, eine zu weich gekochte Karotte – oder auch nichts.

Um dem Plötzlichen zu entkommen, muss Jeanne, was ihr gelingt, nicht nur aus der Enge des Dorfes fliehen – sondern auch vor dem Männlichen. Sie sucht die körperliche Nähe von Frauen, immer wissend, dass sie im Grunde keine andere Wahl hat: «Für meine Homosexualität hatte ich mich aus Schmerz entschieden.»

Mit Paul bricht schliesslich das Männliche wieder in ihr Leben ein. Ist Liebe zwischen ihnen möglich? Was ist überhaupt möglich, wenn die Kindheit nie vergeht, weil sie immer noch auf einem lastet? «Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.» Mit dem berühmten Satz von William Faulkner beginnt die DDR-Schriftstellerin Christa Wolf ihren im Jahr 1976 erschienenen autobiografisch geprägten Roman «Kindheitsmuster».

Ist die mögliche Antwort also, dass wir nur weiterleben können, indem wir uns selbst abhandenkommen? Jollien-Fardel psychologisiert nicht. Sondern lotet Jeannes Schicksal mit klaren, mitunter schneidenden Sätzen aus. Und kreiert damit eine Unmittelbarkeit, die einem auch körperlich nahekommt. Bald wird klar: Hier geht es vor allem um Scham. Ein Gefühl, das selten so gekonnt porträtiert wurde.