Yasmina Reza: Die Rückseite des Lebens. Aus dem Französischen von Claudia Hamm. Carl Hanser. 200 S., Fr. 36.90

Anderen genüsslich dabei zuzusehen, wie sie einander an die Gurgel gehen – und darüber ganze Lebensentwürfe mit ihren Flammenwerfersätzen niederzubrennen: Das war von jeher die Domäne der mittlerweile 65-jährigen französischen Schriftstellerin und Dramatikerin Yasmina Reza.

Die lustvolle Inszenierung privater Weltkriege auf 140 Quadratmetern als Gefühls- und Gedankengemetzel («Der Gott des Gemetzels») machte sie berühmt. Doch für ihr neues Buch, «Die Rückseite des Lebens», hat sie frankreichweit Schwur- und Strafgerichtsprozesse besucht, um aus der Nähe jene zu studieren, die sich für ihre aus Niedertracht, Frustration oder jahrelang aufgestauter Wut begangenen Taten öffentlich zu verantworten haben.

Es versammelt von abgründiger Lakonik gekennzeichnete Erzählungen vom beschädigten Leben, tiefenscharfe Nahaufnahmen von Menschen, die oft unbeholfen um Erklärungsversuche für ihre Taten ringen – und die Schuld dafür meist bei den andern sehen: bei gewalttätigen Vätern und drogensüchtigen Müttern, hinterhältigen angeblichen Freunden und untreuen Frauen.

Darüber rückt die Autorin eine Gesellschaft ins Bild, die als Solidargemeinschaft versagt hat; ihre am Einzelnen begangenen Versäumnisse delegiert sie an Gerichte, die mit fragwürdigen Schnellverfahren sanktionieren, was sich anders nicht mehr beantworten lässt.

In der Erzählung «Verzweiflung» liest sich das so: «Dalilas Anwalt fasst sich kurz . . . Es folgen ein paar Überlegungen zum Recht darauf, ein besserer Mensch zu werden. Er hat keine Zeit. Die Leute im Saal warten auf den nächsten Fall. Man hat keine Zeit, die Geschichte von Dalilas dunklem, zerklüftetem Gesicht genauer zu ergründen.»

Subtilstes Menschenstudium

In einer Story des Amerikaners Raymond Carver heisst es: «Ein Mann kann sich immer an die Regeln gehalten haben, und plötzlich ist alles scheissegal.» Von solchen Kippmomenten in den Leben der Angeklagten, in denen alles Frühere plötzlich scheissegal ist – und sie der Welt ihre hasserfüllte Fratze zeigen oder ihr Klappmesser zücken, um sich endlich Luft zu machen, statt weiter alles runterzuschlucken –, erzählen Rezas packende Fallgeschichten; Storys, die einsetzen, wenn das Unglück bereits geschehen ist und die Autorin die Scherben irgendwelcher zu Bruch gegangener Existenzen besichtigt, ohne zu bewerten. Denn darin besteht nach wie vor ihre erzählerische Kunst: allein durch vorurteilsloses Zeigen und Beschreiben komplexer Zusammenhänge auf gerade mal einer Buchseite ganze Lebensläufe zu verdichten.

Exemplarisch führt sie das in der Titelgeschichte der Sammlung vor, in der die im häuslichen Pflegedienst arbeitende Edith Scaravetti vor Gericht steht. Edith hat ihren gewalttätigen Mann mit einer Kugel aus einer 22er Long Rifle getötet – und muss sich nun am Schwurgericht Toulouse dafür verantworten. Was Rezas Erzählung über die Beschreibung des Prozesses hinaus interessant macht, sind das Porträt der Angeklagten und die Schilderung der Vorgeschichte ihrer Tat.

Entrollt wird die Geschichte einer Frau, die als Zwölfjährige auf einem Campingplatz vergewaltigt wurde, ihren an Alzheimer erkrankten Grossvater pflegte – und dann ihren späteren Mann kennenlernte, «der ständig mit einer angelegten Knarre herumlief». Eine Zeitlang sind sie glücklich. «Bis das Unglück und alle möglichen Verletzungen wieder hochkommen.»

Was hier in der Form der Gerichtsreportage daherkommt, ist auf das subtilste betriebenes Menschenstudium. Das Resultat sind Kurzporträts von Überforderten, Aus-der-Haut-Gefahrenen und Verzweifelten, die aufgehört haben, sich länger in sich selbst auszukennen – und plötzlich ihren niederen Instinkten erliegen. So wie Edith Scaravetti, die schliesslich zur Waffe greift.

Edith hat ihren gewalttätigen Mann mit einer Kugel aus einer 22er Long Rifle getötet.

Yasmina Reza beschreibt Menschen, die vor den Trümmern ihres Lebens stehen. Doch durch die Art, wie sie es tut, gewinnen sie urplötzlich ihre scheinbar verlorengegangene Würde zurück. Dabei schlägt sie anders als in ihren früheren, häufig von schrillen Klängen durchsetzten Texten einen gedämpften Ton an, der uns das Berichtete umso eindrücklicher nahebringt.

Unterbrochen werden ihre Prozessberichte aus den französischen Gerichtssälen von Beschreibungen persönlicher Begegnungen mit Familienangehörigen und guten Freunden, so ihrem Berliner Agenten, mit dem sie einen Spaziergang «an den Ufern der kalten Spree» unternimmt – und dabei die Besonderheit ihrer Freundschaft beschwört: Snapshots, wie im Vorbeigehen gemacht. Reza-haft eben. Richtig mithalten mit der stillen Wucht der Gerichtsprotokolle aber können sie nicht. Denn so genau hat man Leute, die «wen umgebracht haben», lange nicht mehr in der Literatur dieser Jahre beschrieben gefunden.