Ewald Frie: Ein Hof und elf Geschwister. C. H. Beck. 191 S., Fr. 34.90

Das Thema dieses Buches ist «der stille Abschied vom bäuerlichen Leben». Der Autor – Professor für Geschichte in Tübingen – ist mit seinen Eltern und zehn Geschwistern auf einem Bauernhof im Münsterland aufgewachsen. Er schildert sachlich und zugleich berührend, wie sich die agrarische Gesellschaft seit den späten 1950er Jahren verändert und schliesslich aufgelöst hat. Ein vergleichbares Buch aus der Schweiz ist mir nicht bekannt, obwohl wir von dieser Veränderung eigentlich noch stärker betroffen sind als unsere Nachbarn. Vielleicht hat der starke Graben, den wir hierzulande zwischen Stadt und Land bemerken, auch mit dieser Nichtbeschäftigung und Verdrängung zu tun.

Frie rekonstruiert aus Fotografien, Schriftzeugnissen, Wikipedia und vor allem den Erinnerungen seiner Geschwister das Leben auf dem Bauernhof seiner Eltern. Darin «spiegelt sich die Geschichte der Bundesrepublik aus dem ungewöhnlichen Blickwinkel einer katholischen Bauernfamilie. Elf Geschwister erleben Wandel: von Familie und Bauerngesellschaft, von Arbeit und Fest, von Katholizismus und Alltagsreligiosität.» Sie sind Zeugen des Wechsels von der Agrar- zur Industriegesellschaft, von der harten Handarbeit zur technisierten Bewältigung von Feld- und Stallarbeit.

Vom hochgeschätzten Bauern bleibt in der Welt der Technik, des Geldes und der Städte nichts übrig.

Sie erleben aber auch den Abstieg aus einer anderen Wert- und Geltungswelt. Vom hochgeschätzten Bauern bleibt in der Welt der Technik, des Geldes und der Städte nichts übrig. Im Gegenteil: Bauern gelten nun als rückständig.

 

An keiner Stelle larmoyant

Bauernkinder selber empfinden sich ausserhalb ihrer engen Umgebung – in Schule, Ausbildung oder Freizeit – als eher peinlich und schämen sich. Bauern verlieren ihren Status an Politiker, Ärzte, Juristen, Fabrikbesitzer und Lehrer. «In kleinbäuerlichen Gegenden rangierten gelernte Arbeiter ansehensmässig vor den Bauern.» Das muss erst einmal verdaut werden.

Dieser Kulturwandel und seine Auswirkungen auf die Gesamtgesellschaft sind bis heute kaum nachgezeichnet; in Fries Buch wird das ganz plastisch, und der Leser erlebt es ergriffen mit. Dabei bleibt der Autor immer sachlich, nicht cool, aber an keiner Stelle sentimental oder gar larmoyant. Alle seine «Geschwister haben nach den Massstäben ihrer Zeit die Schule gut überstanden und wurden beruflich erfolgreich» – die meisten in pädagogischen Berufen. In diesem Sinne ist das Buch auch eine Hommage an die Eltern. Der älteste Bruder wohnt noch auf dem verkleinerten Hof; aber Land- oder Viehwirtschaft lohnen sich nicht mehr. So ist das Ganze denn wirklich ein herber Abschied von Hof und bäuerlichem Leben.

Frie blickt ebenfalls auf die Nachbarn und Bekannten; auch sie mussten mit dem Übergang zur industriellen Gesellschaft ihre Höfe verlassen oder konnten sie nur noch als Nebenerwerb halten. Damit verändern sich Existenzen dramatisch. Manche müssen viel aufgeben, viele alles und sich Neues erarbeiten. In beiden Fällen bleiben Lebensentwürfe, Hoffnungen und Perspektiven auf der Strecke. Auch das ist bisher kaum bedacht worden. Aber selbst hier wird Frie nicht nostalgisch: «Der stille Abschied vom bäuerlichen Leben war für uns kein trauriger Abschied. Er bot Chancen, die meine Mutter nicht hatte und mein Vater wahrscheinlich nicht hat haben wollen.»

«Ein Hof und elf Geschwister» ist ein sehr schönes Buch. Dass es zum Bestseller wurde, hat es ebenso verdient wie den Deutschen Sachbuchpreis 2023.