Wörtlich übersetzt aus der «Encyclopaedia Britannica» bedeutet «groupthink»: «Eine Art des Denkens, in dem einzelne Mitglieder kleiner, kohäsiver Gruppen dazu neigen, jenen Standpunkt zu akzeptieren, der dem perzipierten Gruppenkonsens entspricht. Und zwar unabhängig davon, ob die Betreffenden ihn als sinnvoll, korrekt oder weiterführend erachten. ‹groupthink› reduziert bei den davon betroffenen Gruppen nachweislich die Problemlösungseffizienz.» «Groupthink» hat also weniger mit Borniertheit zu tun als mit Konformismus und Opportunismus. Altmodisch ausgedrückt: mit einem Mangel an geistiger Unabhängigkeit und Zivilcourage.

Ich bin schon länger der Meinung, dass «groupthink» vor allem bei herkömmlichen Eliten gedeiht – also ausgerechnet dort, wo Begriffe wie Fortschritt, Innovation oder Risikobereitschaft besonders beliebt sind. Wer lange an einer Universität in Forschung und Lehre gewirkt hat, wird dies bestätigen können. Mir genügte jeweils ein einfaches Experiment, um diese These periodisch zu verifizieren.

Originellere Beobachtungen

Diskutierte ich beim Mittagessen eine aktuelle Gesellschaftsfrage – Brexit, Klimaschutz, genderneutrale Toiletten – mit Professoren, dann waren im Schnitt 80 Prozent der Leute derselben Meinung. Bei den emeritierten Kollegen war die Bereitschaft, den Frieden zu stören, auffällig grösser als bei den jüngeren. Am geringsten war sie bei jenen, die ihr Glück im universitären Management gefunden hatten.

Besprach ich dieselben Fragen dagegen mit Handwerkern oder Nachbarn, dann war die Meinungsvielfalt stets auffallend hoch. Auch waren die gemachten Beobachtungen nicht selten origineller und differenzierter. Oft brachten die Leute, die bei mir zu Hause etwas installierten oder reparierten, neue Sachverhalte ins Spiel, die am Mittagstisch in meinem College niemandem in den Sinn kamen.

Der Ort des beschriebenen Experiments war England beziehungsweise Oxford. Doch in der Schweiz beobachte ich denselben Trend. Oder kennen Sie einen Rektor oder Dekan einer Schweizer Universität, der sich in der Öffentlichkeit kritisch – oder zumindest sachlich ausgewogen – zum Forschungsprogramm «Horizon» der Europäischen Union geäussert hat: etwa indem er den hohen Zeit- und Verwaltungsaufwand thematisierte oder den negativen Einfluss dieser Art von Forschungsförderung auf die Karrieren von Leuten, die nachweislich kreativer sind als solche, die bei «Horizon» den Jackpot trafen? Mir sind vor allem Fälle bekannt, die das genannte Programm zu einer nationalen Existenzfrage hochstilisierten.

Ist eine Ökonomin von der Johns Hopkins University talentierter als eine, die in Zürich studiert hat?

Dieser Befund ist insofern bemerkenswert, als die Berechtigung öffentlicher Universitäten ja nicht darin besteht, zur Verengung des Blickfelds beizutragen. Diese Verengung hat nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun, denn Professoren sind ja bekanntlich klug. Ihr Grund liegt vielmehr in der lebensweltlichen Homogenität des universitären Milieus. Im Vergleich dazu kennzeichnet sich der Rest der Bevölkerung durch eine gesamthaft grössere Vielfalt an Erfahrungen, Interessen und Sensibilitäten.

Die kognitiven Vorteile dieser Vielfalt für die Politik sind wissenschaftlich gut belegt. So begründete die Yale-Politologin Hélène Landemore kürzlich die Überlegenheit demokratischer Systeme vor allem mit der Vielstimmigkeit. Was besonders die partizipatorische Demokratie (mit Referendum und Initiativrecht) nachhaltiger macht als die Oligarchie, ist der institutionalisierte Streit der Meinungen. Ob es sich bei der Oligarchie um einen Totalitarismus à la chinoise handelt oder um eine Epistokratie (Herrschaft der Wissenden) à la EU, spielt hier keine Rolle: Beim Umgang mit einer unsicheren Zukunft erweist sich das vielstimmige Laientum der ein- bis zweistimmigen Expertokratie (mittel- und langfristig) überlegen.

Dass auch die britische Regierung an «groupthink» leidet, belegt ihre kürzlich vorgestellte Visa-Strategie. Danach sollen Absolventen von Universitäten, die in den globalen Rankings zu den Top 50 gehören, auf dem Arbeitsmarkt künftig bevorzugt behandelt werden. Wer einen Bachelor- oder Master-Abschluss einer solchen Universität vorweisen kann, erhält – unabhängig von der Nationalität – eine Arbeitsbewilligung für zwei Jahre. Wer mit einem Doktorat antritt, kann sich für ein dreijähriges Visum bewerben. Erfolgreiche Bewerber dürfen ihre Familienmitglieder mitbringen. Die neue Visa-Strategie ist Teil des britischen Punktesystems bei der Migration. Mit der Beendigung der EU-Personenfreizügigkeit entsteht auf dem Arbeitsmarkt ein Gestaltungsspielraum, den die britische Regierung nutzen möchte.

Von den fünfzig Universitäten, die beim staatlichen Rekrutierungsprogramm für Hochqualifizierte berücksichtigt werden, stammen zwanzig aus den USA. Dazu kommen vier Hochschulen aus China (University of Hong Kong, Chinese University of Hong Kong, Peking University, Tsinghua University), drei aus Kanada (McGill University, University of Toronto und University of British Columbia), je zwei aus der Schweiz (die beiden ETH), Japan (Kyoto University und University of Tokyo), Singapur (Nanyang Technological University und National University of Singapore) und Deutschland (Ludwig-Maximilian-Universität sowie TU München) sowie je eine aus Australien (University of Melbourne), Frankreich (Sciences Po) und Schweden (Karolinska Institutet).

Ist eine Ökonomin mit einem Abschluss von der Johns Hopkins University in Baltimore talentierter als eine, die in Zürich oder Basel studiert hat? Ist der Historiker mit Doktorat der Uni Bern weniger vielversprechend als sein Berufskollege von der Ludwig-Maximilian-Universität in München? Kaum. Was sich einwandfrei belegen lässt: dass Absolventen echter Elite-Unis selten aus den Armenhäusern dieser Welt stammen; gerade bei den amerikanischen ist die sozioökonomische Reproduktionsrate sehr hoch.

Hebung des Fachkräftemangels

Was ebenso sicher ist: Die drängendste Herausforderung für die mit einem halben Dutzend Spitzen-Unis gesegnete Insel besteht nicht in der Ausweitung der Elite an der Spitze der Arbeitsmarktpyramide. Was das Land braucht, ist der Aufbau eines dualen Bildungssystems zur Hebung des Fachkräftemangels im mittleren bis oberen Bereich. Grossbritannien leidet – wie die Mehrheit der europäischen Länder – an einer Über-Akademisierung des Arbeitsmarktes.

Geeignet wäre das britische Modell (minus die Obsession mit den World-Rankings) jedoch für ein Land wie die Schweiz, das sich bisher sehr devot an den Arbeitsmarktregeln der EU orientierte, die da lauten: (Weisse) Europäer aus EU-Mitgliedstaaten sind auch im Hochqualifikationssegment zu präferieren. Was spricht denn eigentlich dagegen, dass man hier vermehrt Leute aus Taiwan, Japan, Singapur, Südkorea oder Hongkong berücksichtigt – gerade jetzt, wo sich zeigt, dass das, was man gern die westliche Wertegemeinschaft nennt, dort mehr gilt als in den Regierungsvierteln von Paris oder Berlin? Das wäre dann das Gegenteil von «groupthink». Das wäre Weltoffenheit der Tat.

Oliver Zimmer ist Historiker und Forschungsdirektor beim Center for Research in Economics, Management and the Arts (Crema) in Zürich.