Im grössten Sabotageakt der jüngeren Kriminalgeschichte gibt es eine überraschende Wendung: Nachdem die Gaspipelines Nord Stream 1 und 2 auf dem Grund der Ostsee im Spätsommer 2022 teilweise zerstört wurden, könnten sie demnächst als Teil eines Nachkriegsplans zwischen Russland und den USA repariert und in Betrieb genommen werden.

Der Grund ist ganz einfach: Die Gaspreise sind in Deutschland absurd hoch.

Im zweiten Halbjahr 2024 zahlten private Haushalte in Deutschland im Schnitt 12,28 Cent je Kilowattstunde Erdgas, wie das Statistische Bundesamt ausgerechnet hat. Das waren fast 80 Prozent mehr als im zweiten Halbjahr 2021, dem Vergleichszeitraum vor dem Ausbruch des Kriegs in der Ukraine. Die Industrie in Deutschland bekommt zwar billigeres Gas, aber auch das ist weit teurer als anderswo. Günstiges russisches Gas könnte also helfen.

Deswegen stiess der russische Aussenminister Sergei Lawrow in der vergangenen Woche auf Resonanz, als er bestätigte, dass im Rahmen der Ukraine-Verhandlungen auch über die Zukunft von Nord Stream gesprochen werde.

Thomas Bareiss, CDU-Bundestagsabgeordneter aus Baden-Württemberg, zeigt sich offen für eine «US-amerikanische Kontrolle» über Nord Stream 2 – allerdings erst nach einem Ende des Ukraine-Kriegs.

Ähnlich äussert sich Jan Heinisch, Vize-Fraktionschef der CDU in Nordrhein-Westfalen: «Wenn eines Tages ein gerechter und sicherer Frieden gefunden ist, muss man wieder über den Kauf russischen Gases sprechen dürfen.»

Wie der Deal aussehen könnte, skizziert beispielsweise der russische, im Exil lebende Wirtschaftswissenschaftler und Mitbegründer des Center for Analysis and Strategies in Europe Wladislaw Inosemzew so: «Der einfachste Weg wäre, einen Anteil an der Nord-Stream-Betreibergesellschaft an ein US-amerikanisches oder Offshore-Unternehmen zu verkaufen und die durch die Explosionen von 2022 verursachten Schäden zu beheben.» Die Reparaturkosten schätzt Inosemzew auf vergleichsweise überschaubare 600 Millionen Euro. US-Investoren könnten das Gas in Russland kaufen und es als amerikanisches Produkt nach Europa pumpen.

Ein solcher Deal würde «für alle von Vorteil sein»: Die USA würden einen Teil der Preisdifferenz zwischen den Kosten für russisches Pipelinegas und dem für US-LNG einstreichen. Die Russen würden ihre Exporte nach Europa wieder aufnehmen und so ihre Produktion steigern. Die Europäer würden billigeres Gas erhalten und so den angeschlagenen Industrien einen Rettungsanker bieten, schreibt der russische Exilwissenschaftler.

Bislang ist das ein Planspiel. Aber die Zeit spielt all denen in die Hände, die mit russischem Gas, das unter US-Beteiligung Westeuropa erreichen soll, verdienen wollen. Und das sind eigentlich alle Beteiligten.