Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.

Das gilt im Umgang europäischer Eliten mit der Justiz: Man biegt sich Recht und Gesetz zurecht, wie es einem gefällt. Iustitias Binde verschliesst nicht ihre Augen, sondern knebelt ihren Mund. Jüngstes Beispiel: das Politurteil gegen Marine Le Pen.

Nun hat sich ein Politiker eingereiht, der beleidigt wäre, würde man ihn Mainstream nennen: Ungarns Premier Viktor Orbán.

Er empfing den israelischen Amtskollegen Benjamin Netanjahu in Budapest – und setzte sich über den Haftbefehl hinweg, den der Internationale Strafgerichtshof gegen den Israeli ausgestellt hat.

Man kann diesen Haftbefehl für falsch halten. Aber man darf ihn nicht ignorieren. Denn er wurde von einer unabhängigen Instanz verhängt, deren Entscheidungen respektiert werden müssen.

Es sei denn, man erkennt das Gericht nicht an. Dies tun etwa die USA oder Russland, die dafür von ach so rechtstreuen Europäern gerügt werden.

Orbán kann sich klammheimlicher Unterstützer unter einigen Amtskollegen sicher sein. Das macht die Sache nicht besser.

Würde er es ernst meinen, er verliesse das Gericht und lüde auch Putin ein, gegen den ebenfalls ein Haftbefehl vorliegt.

Aber das traut er sich nicht.