Als sich ein Physikerkollege meines Vaters nach meiner Studienrichtung erkundigte, erschrak er und meinte, dass ich dann wohl so etwas wie ein Berufsdemonstrant sei. Ich war noch ganz am Anfang meines Studiums, und es war mir nicht bewusst, dass die Psychologie ein gewaltiges Imageproblem hatte. Ein paar vage Ideen ĂŒber meine berufliche Zukunft hatte ich zwar, aber Berufsdemonstrant war definitiv keine davon.

Das Image von gestern entspricht nicht der Psychologie von heute. Die Psychologie hat sich konsequent einer evidenzbasierten Forschungsstrategie verschrieben und sich als Wissenschaft profiliert. NobelpreistrĂ€ger Daniel Kahnemann hat mit seinen Studien zum Urteilsverhalten und zu kognitiven Verzerrungen weit ĂŒber die Psychologie hinaus andere Disziplinen, wie die Wirtschaftswissenschaft, nachhaltig beeinflusst. In der Schweiz wurde 2021 dem Berner Psychologieprofessor Thomas Berger der renommierte Marcel-Benoist-Preis zugesprochen, auch bekannt als «Schweizer Nobelpreis». Thomas Berger ist ein Pionier in der Erforschung digitaler Therapieverfahren.

In der Frage nach der Rolle des Menschen im technologischen Wandel spielt Psychologie eine SchlĂŒsselrolle. Zu meiner Studienzeit gab es noch Vorlesungen zu Graphologie, projektiven Testverfahren oder Tiefenpsychologie. Nichts davon ist ĂŒbriggeblieben. Diese Methoden sind wissenschaftlich nicht gesichert und haben keinen prognostischen Wert. Wer denkt, dass man im heutigen Vorlesungsverzeichnis Hinweise auf Veranstaltungen findet, die zum unverbindlichen Assoziieren oder zum Austausch ausufernder Selbsterfahrungen einladen, sucht vergeblich. Ein UniversitĂ€tsstudium in Psychologie befĂ€higt zum wissenschaftlichen Denken und Forschen. Dazu braucht es methodisches Wissen.

Das moderne Bachelor-Programm in Psychologie ist vollgestopft mit Statistikvorlesungen, Experimentalpraktikum und Übungen zu Forschungsmethoden. Auf dem Berufsmarkt erweisen sich spĂ€ter Kenntnisse in Methoden und Statistik als wahrer Jackpot. Nicht wenige finden gerade deswegen Jobs oder werden spĂ€ter «Data Scientist». FĂŒnf Jahre nach Abschluss des Studiums sind lediglich 0,3 Prozent der Psychologinnen und Psychologen erwerbslos, deutlich unter dem Schnitt von 2,5 Prozent der Personen mit akademischem Master-Abschluss. Die Bezeichnung «Psychologe» ist geschĂŒtzt und setzt zwingend einen Master-Abschluss in Psychologie voraus.

 

Psyche und Gehirn

Neben der evidenzbasierten Forschung hat sich eine weitere Entwicklung als richtungsweisend erwiesen: Die Psychologie interessiert sich fĂŒr die Funktionsweise des Gehirns. Unsere Gedanken, Entscheidungen, Wahrnehmungen oder das GedĂ€chtnis und die Emotionen sind mit Prozessen in unseren Gehirnen verbunden, die man mit verschiedenen Verfahren messen kann (z. B. funktionelle Kernspintomografie, Elektroenzephalografie). Somit geht die Psychologie gekonnt mit dem cartesischen Dualismus um, der eine Trennung von Geist (res cogitans) und Materie (res extensa) postuliert, die immer noch unser Denken in vielen Bereichen durchsetzt. Prozesse im Gehirn sind zum VerstĂ€ndnis des mentalen Innenlebens eine Ă€usserst wichtige Informationsquelle, an die man weder durch Beobachtung noch durch Befragung herankommt.

Experimentelle Forschungen der Psychologie haben oftmals einen erstaunlich guten Bezug zu gesellschaftlich hochaktuellen Themen. Um ein Beispiel zu nennen: Die Gruppe um Daria Knoch am Institut fĂŒr Psychologie der UniversitĂ€t Bern hat in Experimenten herausgefunden, dass Unterschiede zwischen Personen im nachhaltigen Verhalten (beispielsweise, wie viel Ressourcen auf Kosten kommender Generationen verbraucht werden) mit strukturellen Eigenschaften (d. h. die Dichte von Neuronen in bestimmten Gehirnarealen) und funktionalen Prozessen im Gehirn (wie stark bestimmte Gehirnareale miteinander kommunizieren) zusammenhĂ€ngen. Innovative ZugĂ€nge aus der Psychologie bereichern die aktuellen Diskussionen um einen rĂŒcksichtsvollen Umgang mit verfĂŒgbaren Ressourcen.

Die Psychologie hat durch den Einbezug der Neurowissenschaften die vorgezeichneten Trennlinien zwischen FakultĂ€ten auf eindrĂŒckliche Weise ĂŒberwunden. Benachbarte Disziplinen haben diesen Anschlussflug reihenweise verpasst und schlagen neue Wurzeln im alten Terrain, ohne dass der Baum je FrĂŒchte tragen wird. Und der Impakt geht auch in die andere Richtung: Die Neurowissenschaft wird durch die Forschungen in der Psychologie aufgewertet. Die Studierenden interessieren sich enorm fĂŒr den Zusammenhang zwischen Gehirn und Psyche, der ĂŒbrigens im angelsĂ€chsischen Sprachraum noch intensiver erforscht wird als bei uns.

Die Psychologie erforscht mit sehr vielfĂ€ltigen Methoden das menschliche Erleben und Verhalten. Sie begnĂŒgt sich allerdings nicht mit deren Messung und Beschreibung (etwa mittels Erhebungen ĂŒber Fragebogen), sondern kann mit gezielten Interventionen VerhaltensĂ€nderungen herbeifĂŒhren. Dies betrifft die Weiterentwicklung von Psychotherapieverfahren sowie die ÜberprĂŒfung ihrer Wirksamkeit, die beide in der klinischen Psychologie massiv vorangetrieben werden. Eine TĂ€tigkeit im Bereich Psychotherapie wird nach wie vor von vielen Studierenden angestrebt. Weil die Facharztrichtung Psychiatrie, die ein Medizinstudium voraussetzt, gravierende Nachwuchsprobleme hat, ist es fĂŒr die psychotherapeutische Grundversorgung wichtig, dass die klinische Psychologie diese LĂŒcke schliesst.

Wenn man der Prognose der WHO Glauben schenkt, dann werden im Jahr 2030 psychische Störungen wie Depression und Angststörungen zu den grössten Verursachern von direkten und indirekten Gesundheitskosten gehören. In die Psychologie zu investieren, wird sich lohnen. Im Kampf gegen die Depression, die zu massivem wirtschaftlichem Produktionsverlust, Erwerbslosigkeit und verringerter LebensqualitĂ€t des gesamten Umfelds fĂŒhrt, sind Psychotherapien nicht nur wirksam, sondern auch kosteneffizient. Ein Schritt in die richtige Richtung ist das Anordnungsmodell, das seit 2022 in Kraft ist: Psychotherapeuten können auf Ă€rztliche Anordnung als selbstĂ€ndige Leistungserbringer mit der obligatorischen Krankenpflegeversicherung abrechnen.

 

Flair fĂŒr moderne Technologien

VerhaltensĂ€nderungen betreffen aber nicht nur Individuen, sondern auch ganze Organisationen und Unternehmen. In der Arbeits- und Organisationspsychologie geht es um die Steigerung der Arbeitszufriedenheit, den FĂŒhrungsstil, das Kommunikationsverhalten oder die Effizienz und Sicherheit von ArbeitsablĂ€ufen. Ein schlechtes Arbeitsklima ist nicht nur fĂŒr die Betroffenen unangenehm, sondern es kostet das Unternehmen Innovationen, fĂŒhrt zu Fluktuationen und ReputationsschĂ€den. Die Psychologie beschĂ€ftigt sich auch mit dem Konsumverhalten oder den psychologischen Mechanismen, die zu Bewegungen an den AktienmĂ€rkten fĂŒhren, was sich daran zeigt, dass auch die Wirtschaftspsychologie viele Studierende anzieht.

Letztlich ist die Psychologie offen fĂŒr moderne Technologien, und sie spielt in der Frage nach der Rolle des Menschen im technologischen Wandel eine SchlĂŒsselrolle. Die Dezentrierungen des Menschen als Folge von Kopernikus und Darwin waren faktenbasiert, aber die fortschreitende Entwicklung moderner Technologien und Algorithmen muss nicht notwendigerweise zu einem weiteren Thronsturz des Menschen fĂŒhren. DĂŒstere Technologieskepsis bringt in dieser Frage keine Lösung. Die Psychologie hat ein Flair fĂŒr moderne Technologien, was sich daran zeigt, dass in vielen Studien und Interventionen Smartphone-Apps und Wearables eingesetzt werden, die zur Verfolgung und Verbesserung des mentalen Wohlbefindens, der StressbewĂ€ltigung und der VerhaltensĂ€nderung dienen.

Der jĂŒngeren Generation von Forschenden ist es ein Anliegen, Wissen zu generieren, das solide ist.Auch Ă€ltere, gesunde Personen werden intensiv untersucht im Hinblick auf gesundheitsfördernde Massnahmen oder eine frĂŒhe Erkennung einer Verringerung der kognitiven FĂ€higkeiten. Die Gruppe um den Kognitionspsychologen Matthias Kliegel von der UniversitĂ€t Genf beschĂ€ftigt sich damit, wie sich die kognitiven FĂ€higkeiten ĂŒber das Alter hinweg verĂ€ndern, und sie verwendet dazu Testverfahren, die auch online verfĂŒgbar sind. Auch die Bedeutung von virtueller RealitĂ€t zur Simulation realer Szenen gewinnt in Expositionstherapie, im Verhaltenstraining und beim Lernen neuer Inhalte an Bedeutung.

Ist in der Psychologie alles nur gut? Mitnichten. Es gab zum Beispiel die Replikationskrise, die gezeigt hat, dass Ergebnisse einschlĂ€giger Studien nicht replizier- beziehungsweise ĂŒbertragbar waren. Die Psychologie wurde zu Recht kritisiert. Aufschlussreich war aber die Reaktion darauf. Die Psychologie hat nicht den Kopf in den Sand gesteckt, sondern sie ging das Problem aktiv an. Viele Studien werden heute prĂ€registriert, und es hat sich als Standard etabliert, dass die Rohdaten von Studien öffentlich geteilt werden, damit andere Forschende die Auswertungen nachvollziehen und ĂŒberprĂŒfen können.

Der jĂŒngeren Generation von Forschenden ist es ein grosses Anliegen, Wissen zu generieren, das solide ist. Selbstdarstellung in der Wissenschaft wird zunehmend kritisch betrachtet. Viele Studierende fĂŒhlen sich vom Psychologiestudium auch deshalb angezogen, weil die Wissenschaft sehr jung ist. In der Psychologie stehen die grossen Entdeckungen noch an. In der Physik sind viele bahnbrechende Entdeckungen bereits gemacht worden. Der Psychologie gehört die Zukunft.

 

Fred Mast ist ordentlicher Professor am Institut fĂŒr Psychologie der UniversitĂ€t Bern. Zurzeit unterstĂŒtzt er die UniversitĂ€t Luzern beim Aufbau der neuen FakultĂ€t fĂŒr Verhaltenswissenschaften und Psychologie.