Monte-Rosa-Hütte, 2883 Meter über Meer, am Fuss des gleichnamigen Massivs, aus dem auch die Dufourspitze emporragt: Der Weg dorthin ist schwierig und nur Wanderern zu empfehlen, die sich in hochalpinen und vergletscherten Regionen auskennen. Die Hütte, die aufgrund ihrer Aluminiumverkleidung in der Sonne funkelt wie ein Bergkristall, ist das Gemeinschaftswerk der ETH Zürich und des Schweizer Alpen-Clubs und, recht besehen, ein kleines Kraftwerk: Hundert Solarpanels auf der Südfassade versorgen das Haus mit Strom aus Sonnenlicht. Alles hängt an dieser Anlage: Wasseraufbereitung, Heizung, Beleuchtung. 

Die Hütte ist ein Symbol dafür, wie man mit moderner Solartechnik das Überleben in unwirtlichen Regionen sicherstellen kann. Doch als der Bergkristall 2009 gebaut wurde, dachten wohl nur wenige daran, dass man hochalpine Solarkraftwerke nicht bloss zur Alimentierung abgelegener Berghütten, sondern auch zur Versorgung ganzer Täler mit elektrischer Energie aus eisigen Höhen erstellen könnte – natürlich in einem viel grösseren Massstab. 

Bodenmanns «Alpengold»

Einer, der seit Jahren in jeder zweiten Kolumne, die er für die Weltwoche und den Walliser Boten schreibt, den Bau solcher Anlagen als Lösung künftiger Energieprobleme anpreist, ist der frühere SP-Präsident Peter Bodenmann. Er rühmt die sogenannten bifazialen Solarzellen in hochalpinen Regionen, also beidseitig aktive Panels, als wahres «Alpengold». 

Unbestritten ist, dass das sonnenreiche Wallis hier brachliegendes Potenzial hat. Das haben das Schweizerische Institut für Schnee- und Lawinenforschung und die ETH Lausanne schon vor Jahren in einer Studie aufgezeigt. Die Solarmodule in grosser Höhe produzieren nicht nur pro Quadratmeter Strom in grösseren Mengen, sondern liefern diesen sogar bei Bedarf und vor allem auch in den Wintermonaten, wenn das Mittelland unter einer Nebeldecke liegt und der eigene Saft knapp ist. 

Bodenmann als lautester Lobbyist in dieser Sache ist allerdings überzeugt, dass die Bergkantone Bern, Tessin, Uri, Graubünden und Wallis mit hochalpinen Solarkraftwerken sogar mehr Winterstrom produzieren könnten, als die Schweiz braucht. Längst ist er nicht mehr allein. Auch die Präsidentin von Swissolar, die Aargauer SP-Nationalrätin Gabriela Suter, weibelt inzwischen für die Installation solcher Anlagen. Aufgeschlossen zeigen sich zudem die zuständigen Walliser Staatsräte Franz Ruppen (SVP) und Roberto Schmidt (Mitte) sowie der Fraktionschef der Mitte im Bundeshaus, Nationalrat Philipp Matthias Bregy. 

Das reicht Bodenmann noch lange nicht. Unermüdlich prügelt er in seinen Kolumnen auf all jene ein, die seine hochfliegende Vision nicht teilen, wie etwa die Urner Ständerätin Heidi Z’graggen (Mitte), die ein Moratorium für Freiflächen-Solaranlagen fordert. Sie will zuerst einen gesetzlichen Rahmen schaffen. 

Die Alpenwelt steht kopf. Leute wie Z’graggen, die die bautouristische Entwicklung vorangetrieben haben, wollen weitere Eingriffe in die Natur bremsen. Linke und Grüne, die einst Sturm liefen gegen den Bautourismus, möchten nun noch die letzten unberührten Regionen mit Solarpanels zupflastern. 

Gegen Skitourismus

Die Alpen sind ein hochsensibles Naturparadies, das sich von Nizza am Mittelmeer bis nach Slowenien und nach Ungarn ausdehnt. Die meisten Viertausender dieser 1200 Kilometer langen Bergkette stehen in der Schweiz, vor allem im Wallis. Grüne Wiesen, schneebedeckte Gipfel, würzige Luft und ein angeblich unverdorbenes Leben – das lockt immer noch Millionen Menschen mit romantischen Vorstellungen über das Bergleben an. 

Mit dem aufkommenden Massen- und Skitourismus ab den 1960er Jahren ging man in den Berggebieten dazu über, Wälder für Skipisten zu roden, Hänge zu planieren und jeden Hügel mit Skiliften zu erschliessen. Chalets und Ferienhaussiedlungen schossen wie Pilze aus dem Boden. Etwa zeitgleich entstanden grosse Staumauern wie die Grande Dixence im Val d’Hérémence oder jene von Mauvoisin im Val de Bagnes und andere. Kehrseite der Medaille: All diese Bauwerke stellten einen massiven Eingriff in die Natur dar. Das wurde jahrzehntelang breit akzeptiert, weil es der Bergbevölkerung Jobs und Einkommen brachte. Die Alpen sind ja nicht bloss ein Naturreservat für Wölfe, sondern auch der Lebensraum vieler Menschen. 

Doch ab den 1970er Jahren wurde besonders der weitere skitouristische Ausbau im Wallis zunehmend kritischer beurteilt. Der Schriftsteller Maurice Chappaz prangerte in einer Streitschrift die Tourismuspromotoren als Zuhälter des ewigen Schnees an. In seinem Fahrwasser segelte auch die Linke im Ober- und Unterwallis. Sie rannten gegen neue Skilifte und Ferienhaussiedlungen an, gegen das Trockenlegen von Bergbächen durch die Stromlobby, gegen zusätzliche Transitachsen durch die Alpen, gegen Militärübungen in den Bergen, also gegen alles, was den Bergfrieden beeinträchtigte. 

Der Widerstand sei bitter nötig gewesen, erinnert sich ein rot-grüner Aktivist. Damals habe man fast jeden Hang mit einer Neigung von über zehn Grad als potenzielles Skigebiet gesehen. Inzwischen gilt jeder Hang im Hochgebirge und in Südlage mit hoher Sonneneinstrahlung als idealer Standort für ein Freiflächen-Solarkraftwerk. Nur dass heute rot-grüne Kreise für solche Installationen trommeln, die in der Vergangenheit jeden Eingriff in die Natur bekämpften. Darauf verweisen Oberwalliser, die sich in den vergangenen Jahren über den Widerstand der Linken und Grünen gegen touristische Projekte ärgerten.

Tatsächlich sind es SP-Vertreter aus dem Oberwallis, die im Walliser Parlament am meisten Druck für Freiflächenanlagen machen. Das SP-Trio Doris Schmidhalter-Näfen, Marc Kalbermatter und Christine Seipelt Weber hat schon mehrere Interpellationen zum Thema eingereicht. Darin wird vorgerechnet, dass man auf 2 Prozent der Walliser Kantonsfläche (5224 Quadratkilometer) weit mehr als 10 Milliarden Kilowattstunden Solarstrom produzieren könnte. Grossrätin Schmidhalter-Näfen, im Oberwallis nebst Bodenmann lauteste Wortführerin für die alpine Solaroffensive, sagt: «Wir haben ein Winterloch von 25 Milliarden Kilowattstunden. Wir müssen dieses stopfen. Das geht schnell und kostengünstig mit solaren Freiflächenanlagen.»

Hunderte Anlagen wären nötig

Ein Muster könnte das Projekt liefern, das in den vergangenen Wochen schweizweit für Furore sorgte. Oberhalb des Grenzdörfchens Gondo, auf einer einsamen Alp in 2200 Metern Höhe, soll die grösste alpine Fotovoltaik-Anlage der Schweiz entstehen. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt der Gemeinde Gondo-Zwischbergen, der lokalen Kraftwerks- und Netzbetreiberin und des Projektinitianten Renato Jordan. Aufgrund der Höhenlage könnte hier pro Quadratmeter rund doppelt so viel Strom wie bei einer vergleichbaren Anlage im Mittelland produziert werden. Der Winteranteil liegt bei 55 Prozent. Die Anlage soll einst über 23 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr liefern. 

Allerdings bräuchte es ein paar Hundert solcher Anlagen, wenn man AKW, Öl und Gas mit der Kraft der Sonne ersetzen will. Ein paar Schuhnummern grösser ist das Projekt im Saflischtal, lanciert von der Roten Anneliese, dem Kampfblatt der Oberwalliser Linken. An den Hängen zwischen Bättli- und Breithorn, auf einer Fläche von 5,6 Quadratkilometern, gebe es ein gewaltiges Potenzial für Sonnenenergie. Über zwei Milliarden Kilowattstunden könnten hier produziert werden. Das Kraftwerk käme allerdings entlang einer beliebten Wanderroute zu stehen, die vom Rosswald oberhalb von Brig ins Binntal führt. Der Präsident der Territorialgemeinde Grengiols, Armin Zeiter, bestätigt nur, dass man sich darüber Gedanken mache. Andere machen auf die schwierige Geologie in diesem Gebiet aufmerksam, die es nicht erlaube, die Panels im Boden zu verankern. Sie verweisen ausserdem auf regelmässige Lawinenniedergänge in dieser Zone. 

Sommarugas Prioritäten

Illusionen darf man sich sowieso keine machen, denn im Wallis steht der Ausbau der Wasserkraft im Vordergrund. Staatsrat Schmidt, der 2011 als Nationalrat die Weichen dafür gestellt hatte, dass man auf den Bau neuer Atomkraftwerke verzichtete, würde aber gerne die Solaranlage hoch über Gondo als «Pilotprojekt» realisieren, wie er sagt. Der Hemmschuh sei der Bund, der sich gegen solche Projekte sträube. Tatsächlich priorisiert Energieministerin Simonetta Sommaruga (SP) Solaranlagen auf Dächern und an Fassaden, was letztlich ebenfalls zu einer Verschandelung führt. 

Schliesslich gilt es zu bedenken, dass diese Hightech-Solarkraftwerke in eisigen Höhen auf dem Papier oft besser aussehen, als sie es in Wirklichkeit sind. Der Bergkristall am Fuss des Monte Rosa wurde zuerst bejubelt, später mit Häme übergossen, als es mit dem Abwasser Probleme gab. Es brauchte erhebliche Nachbesserungen, bis die energieautarke Hütte in der hochalpinen Region gut funktionierte.